Efeu - Die Kulturrundschau

Der Schauspieler Alain Delon und Schafe

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
23.09.2026. Die FAZ kann in Pawel Talankins und David Borensteins Dokumentarfilm "Ein Nobody gegen Putin" beobachten, wie die russische Jugend indoktriniert wird. Die SZ erlebt Kleists "Prinz von Homburg" in der Düsseldorfer Inszenierung Ulrich Rasches als unheilvollen Albtraum. Die Musikkritiker feiern John Coltrane, der heute einhundert Jahre alt geworden wäre. Die französische Literaturwelt brütet über einem Skandal: Der gefeierte Roman des haitianischen Schriftstellers Thélyson Orélien wurde angeblich in großen Teilen von KI verfasst. 
9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.09.2026 finden Sie hier

Literatur

Gestern kam in Frankreich eine Debatte auf, die den Literaturbetrieb nicht nur dort verändern könnte. Das bis dato unbekannte Twitter-Konto "Balance ton Claude" will mit Hilfe der Software Pangram nachgewiesen haben, dass der viel gefeierte Roman "C'était ça ou mourir" des in Québec lebenden haitianischen Autors Thélyson Orélien, großenteils KI-gefertigt sei (unser Resümee). Mehrere Medien berichten (Links). Der Autor verwahrt sich gegen die Vorwürfe, der Verlag Grasset hat sich inzwischen hinter ihn gestellt. Zeitungen wie Libération (leider nicht online) bestätigen aber die Ergebnisse der Prüfsoftware zu Oréliens Roman. Das Problem darf dennoch nicht bei ihm allein gesehen werden, schreibt "Balance ton Claude" heute. Es seien jetzt schon Tausende Texte KI-gefertigt, ohne dass das Publikum das merkt. "Wir haben dieses Buch erwähnt, weil es erfolgreich ist, aber es ist bei weitem nicht das einzige. In diesem Netzwerk lassen Hunderte von Politikern und 'Slop'-Accounts ihre Beiträge von KI verfassen, ohne zu erwähnen, dass es sich um KI handelt, und täuschen so ihre Leser das ganze Jahr über bewusst. Und schon seit Langem werden die Bestsellerlisten bei Amazon (dem führenden Buchhändler in Frankreich) von Büchern dominiert, die direkt von KI verfasst wurden - manchmal sehr grob und mit einem schlechteren Ergebnis als das von Thélyson (dem daher eine gewisse Anerkennung gebührt, da es ihm gelungen ist, eine schlüssige Erzählung zu produzieren, die viele Leser zufrieden gestellt hat). Die Pariser Intelligenz unterschätzt zweifellos immer noch die Fähigkeiten der KI und nutzt LLM kaum oder gar nicht (und hält sich nicht auf LinkedIn auf), weshalb sie die stereotypen Formulierungen nicht erkannt hat."

Der Publizist Samuel Fitoussi wiederholt seine These, dass Menschen aufhören werden, Texte zu schreiben und zu lesen, weil jedes Kriterium verloren zu gehen droht. "Brillante Bücher werden also von KI generiert und von Autoren signiert, die schwören werden, sie selbst geschrieben zu haben. Der Verdacht wird sich somit gleichmäßig auf alle richten. Es wird keine Möglichkeit mehr geben, die 'wahren Autoren' zu identifizieren, sobald die Generation, die sich vor dem Aufkommen der Large Language Models bewährt hat, verschwunden ist. Dies wird vielleicht allgemein dazu führen, dass das Lesen jeglicher Manuskripte unattraktiv wird." Aber Vorsicht: Die Literaturwissenschaftlerin Loriane Lafont-Grave vermutet hinter all dem eine typisch "germano-pratinische" (aus Saint-Germain-des-Prés kommende) Intrige von Konkurrenten gegen Thélyson Orélien.

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Weitere Artikel: Für den Dlf spricht Dirk Fuhrig mit Shida Bazyar, die für ihren Roman "Die Lücken" mit dem Wilhelm-Raabe-Literaturpreis ausgezeichnet wurde. In der FR schreibt Judith von Sternburg einen Nachruf auf die Verlegerin Antje Kunstmann (weitere Nachrufe hier).

Besprochen werden unter anderem Tony Tulathimuttes "Fiasko" (ND), Douglas Stuarts "John of John" (taz), Monika Marons "Vier Minuten" (NZZ) und neue Sachbücher, darunter Jens Balzers Essay "Erlösung" (FAZ), über den er hier auch in der Philosophiesendung von Dlf Kultur sprach. Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
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Film

Pawel Talankin in "Ein Nobody gegen Putin" (W-Film/Arte)

Die Academy zeichnete Pawel Talankins und David Borensteins "Ein Nobody gegen Putin" mit einem Oscar aus, nun läuft der Dokumentarfilm im Kino, aber auch online bei Arte. Talankin, ein kleiner Lehrer, gestattet mittels teils klandestin erstellter Videoaufnahmen einen Einblick, wie nach der russischen Vollinvasion in der Ukraine die russischen Schulen selbst noch in der entlegensten Provinz durch Dekret von oben und durch die Arbeit von Eiferern im Kollegium zu "patriotischen Anstalten" transformiert werden. Um den Film fertigzustellen, floh Talankin 2024 aus seiner Heimat, um keine Repressalien auf sich zu ziehen, schreibt Bert Rebhandl in der FAZ. "Streng genommen sieht man in dem Film allerdings nichts, was dem autoritären Machthaber missfallen müsste. Man sieht einfach, wie eine Gesellschaft in das Zeichen einer Ideologie gestellt wird, die einen grausamen Krieg gegen ein Nachbarland geradezu unabdingbar wirken lassen soll." Zu beobachten ist etwa "auch die Gründung der neuen Kinder- und Jugendbewegung, (...) Als schließlich Vertreter der Söldnergruppe Wagner in die Schule kommen und dort Schmetterlingsminen herumreichen, als Wettbewerbe in 'militärisch angewandten Sportarten' wie Granatenweitwerfen eingeführt werden, wird für Talankin klar, dass sein aufklärerisches Amt als Videograf für eine kritische Öffentlichkeit jenseits von Russland nicht mehr länger haltbar sein wird."

Weiteres: Marian Wilhelm gibt im Standard Tipps zum Slash-Filmfestival, das ab heute wieder Wien mit Blut und Beuschel versorgt. Besprochen werden Valeska Grisebachs in Cannes preisgekröntes Archäologendrama "Das geträumte Abenteuer" (taz), David Dietls Neuverfilmung von Erich Kästners "Emil und die Detektive" (SZ) und die ZDF-Doku "Inside CDU" (FAZ).
Archiv: Film

Kunst

Chloë Ashby trifft sich für den Guardian mit der französischen Konzeptkünstlerin Sophie Calle, der das Turner Contemporary in Margate eine große Ausstellung widmet. Calle machte schon immer mit ziemlich verrückten Aktionen von sich reden, erinnert Ashby, für eine Fotoserie verfolgte sie einen Fremden, den sie im Zug kennengelernt hatte, durch ganz Paris. Sehen und Gesehenwerden spielen eine wichtige Rolle in ihrem Werk, in neuen wie alten Arbeiten: "Bevor sie eine ihrer bewegendsten Serien, 'The Blind' aus dem Jahr 1986, realisierte, hatte Calle Bedenken, das Projekt könnte grausam sein. Dazu gehörte, Menschen, die von Geburt an blind waren, zu bitten, ihre Vorstellung von Schönheit zu beschreiben. Doch dann antwortete der erste Mann, den sie ansprach, einfach und klar. 'In gewisser Weise gab er mir damit die Erlaubnis.' Schwarz-Weiß-Porträts der Teilnehmer werden mit ihren Antworten gepaart, zu denen unter anderem die Farbe Grün, der Schauspieler Alain Delon und Schafe gehören."
Archiv: Kunst
Stichwörter: Calle, Sophie

Bühne

Szene aus Heinrich von Kleists "Prinz Friedrich von Homburg". Foto: Thomas Rabsch

"Großes Slow-Motion & High-Emotion-Kino" bringt Ulrich Rasche mit Kleists "Prinz Friedrich von Homburg" im Düsseldorfer Schauspielhaus auf die Bühne, notiert Christine Dössel in der SZ. Für Rasche-Neulinge zumindest, denn Kenner entdecken hier viel Bekanntes, meint Dössel, die außerdem noch den neuen Intendanten des Schauspielhauses, Andreas Karlaganis, trifft. So ganz zufrieden ist Dössel mit diesem Rasche-Werk nicht, faszinierende Momente gibt es aber: "Sie bietet dem als schlafwandelnden Träumer eingeführten Homburg, der in der Schlacht bei Fehrbellin entgegen der Order des Kurfürsten gegen die Schweden losstürmt und dafür zum Tode verurteilt wird, obwohl er sogar einen Sieg errungen hat, ein abstraktes Albtraum-Setting. Die Inszenierung wirkt selbst wie ein antimilitärisch aufgeladener Somnambulismus, die Atmosphäre traumgespinstig-diffus, unheilvoll. Rasche, der seine (früher oft technoid-martialischen) Bühnen selbst entwirft, hat hier eine Halbkreisanordnung aus schlanken Leuchtstoffröhren ersonnen, die sich aus dem Schnürboden herabsenken, bewegen und raffiniert auch zum Kreis formen lassen."

Weiteres Artikel: In der NZZ zeichnet Leonie C. Wagner den Lebensweg des 1989 verstorbenen Tänzers Alvin Ailey nach, der 1958 das erste schwarze Ballett gründete und dessen Kompagnie in Zürich gastiert. Johannes Furtwängler kündigt im Tagesspiegel die neue Oper "Sunville" an der Deutschen Oper Berlin an.

Besprochen werden Marcos Moraus Tanzstück "Nachtträume" am Hessischen Staatsballett (FR), Marco Štormans Inszenierung von Kaija Saariahos Oper "Innocence" und Ralph Tharayils Stück "I. Grief. Different." am Theater Bremen (taz).
Archiv: Bühne

Musik

Die Münchner Philharmoniker wollen demnächst mit ihrem Chefdirigenten Lahav Shani in Brüssel auftreten. Aber nicht, wenn es nach Baudoin Loos in der als renommiert geltenden belgischen Zeitung Le Soir geht (sein Artikel kursiert auf Twitter), denn Shani ist auch Dirigent des Israel Philharmonic Orchestra: "Auch wenn Lahav Shani den Krieg und seine Gräueltaten verurteilt, muss er boykottiert werden. Denn als musikalischer Leiter des IPO verkörpert Shani - ob er will oder nicht - zu hundert Prozent den Staat Israel. Dass er im November an der Spitze eines deutschen Orchesters nach Brüssel kommt, ändert daran nichts. Das IPO macht keinen Hehl daraus, dass es, wie sein Generalsekretär Yair Mashiach am 21. Mai 2025 sagte, 'das Nationalorchester des Staates Israel und dessen kultureller Botschafter in der Welt' ist."

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Die Feuilletons feiern John Coltrane, der heute vor hundert Jahren geboren wurde. Anders als der kühle Miles Davis, mit dem sich Coltrane nicht nur das Geburtsjahr teilt, war er ein "nach spiritueller Entgrenzung strebender Saxofon-Dionysos", schreibt Josef Engels in der Welt. Von "Blue Train" (1957) über "Kind of Blue", das er als Teil des Miles Davis Quintetts miteinspielte, bis zu einem Tod im Jahr 1967 mit nur 40 Jahren war Coltranes "künstlerischer Output so übervoll, gedrängt und unerhört wie seine zu irisierenden Klangflächen verschwimmenden Soli. ... " Coltrane war "Prophet, Wahrsager, Fackelträger", eben "ein Suchender aus Passion", der einen erarbeiteten Stil rasch beiseite legte, wenn er denn mal ausgekundschaftet war, schreibt Peter Kemper in der FAZ. "Aus den physischen Zwängen und weltlichen Verstrickungen" bahnte er sich den "Weg in die himmlische Freiheit", pflichtet ihm Ueli Bernays in der NZZ bei. Damit arbeitete Coltrane sich vom Bebop und Hardbop zum Freejazz vor. "Im Zeichen der Bürgerrechtsbewegung schien es insbesondere engagierten schwarzen Intellektuellen und Aktivisten klar, dass Coltranes flammende Musik der afroamerikanischen Rebellion gewidmet war", auch wenn Coltrane seine Musik eher spirituell und religiös verstand. 

In der SZ freut sich Andrian Kreye, dass zu Coltranes hundertstem Geburtstag nun auch die "Tiberi Tapes" zugänglich gemacht wurden, "die der Saxofonist Frank Tiberi zwischen 1960 und 1964 heimlich bei John Coltranes Auftritten in kleinen Clubs mit einem Diktafon unter seinem Mantel gemacht hat" - allerdings klingen diese Dokumente auch entsprechend. Auch die Radios feiern Coltrane mit mehreren großen Sendungen: Matthias Wegner lauscht sich für Dlf Kultur ausführlich durch Coltranes legendärste Konzerte. Karl Lippegaus führt im Dlf durch Leben und Werk. Odilo Clausnitzer erörtert im Dlf die Frage, ob es sich bei Coltrane um den Vater des Spiritual Jazz handelt. Ralf Dorschel widmet sich für die ARD Coltranes "kosmischem Spätwerk".

Außerdem: Macklemore "ist schon seit rund 15 Jahren auf die Rolle des Antisemiten abonniert", schreibt Julian Weber im taz-Kommentar allen Apologeten des Rappers ins Gebetbuch. Tilman Spreckelsen spricht für die FAZ mit Reinhard Mey, der mit 83 Jahren sein 30. Album veröffentlicht. Bei Naxos gibt es Eigentümer-Streit, meldet Axel Brüggemann in BackstageClassical. Besprochen werden neue Jazz- und Klassikveröffentlichungen, darunter Bruce Lius "Lunaris" (Standard).
Archiv: Musik