Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Kunst, Ausstellungen, Architektur

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 24.09.2026 - Kunst

Georges de la Tour, "Büßende Magdalena bei der Meditation", ca. 1635-40
Quelle: National Gallery of Art, Washington

Erst um das Jahr 600 sprach Papst Gregor ein Machtwort und entschied, dass Maria Magdalena den "genuin sündigen Weibern" zuzurechnen sei, erinnert Welt-Kritiker Hans-Joachim Müller, der begeistert durch eine ihr gewidmete Ausstellung im Frankfurter Städel spaziert. Erst nach diesem Papst-Spruch hatte Maria Magdalena in der Kunst wirklich Konjunktur, nämlich als reuige Büßerin: "Mal ringt sie die Hände, mal hält sie einen Totenschädel in der Hand, mal kniet sie in felsiger Landschaft vor einem leeren Kreuz, mal verdreht sie die Augen, wie es nur der Augenverdreher El Greco gekonnt hat." Da spürt Müller doch zu sehr die Frauenfeindlichkeit der Epoche, er widmet sich lieber dem Gemälde "Büßende Magdalena bei der Meditation" von Georges de la Tour: "Niemand hat die Frau so innig gemalt, so ganz bei sich und in sich, so nachdenklich, so unverfügbar. Sitzt da im Lichtschein ihrer Kerze und käme nicht auf die Idee, Männern die Füße zu waschen, geschweige denn, als Zeugin feministischer Anklage anzutreten. Ihre ganze Buße besteht aus nichts Wunderbarerem als verschwiegener Selbstbeschau. Das wahre Mirakel der Maria aus Magdala."

Weitere Artikel: In der FAZ berichtet Frauke Steffens über zwei neue Klagen in den USA, die erheblichen Einfluss auf die Gesetzeslage für NS-Raubkunst dort haben könnten. Besprochen wird George Lucas' Sammlung im Lucas Museum of Narrative Art im Exposition Park in Los Angeles (FAZ) und Leiko Ikemuras Ausstellung "Translucent, La forma della luce" in der Gallerie dell'Accademia di Venezia (NZZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 23.09.2026 - Kunst

Chloë Ashby trifft sich für den Guardian mit der französischen Konzeptkünstlerin Sophie Calle, der das Turner Contemporary in Margate eine große Ausstellung widmet. Calle machte schon immer mit ziemlich verrückten Aktionen von sich reden, erinnert Ashby, für eine Fotoserie verfolgte sie einen Fremden, den sie im Zug kennengelernt hatte, durch ganz Paris. Sehen und Gesehenwerden spielen eine wichtige Rolle in ihrem Werk, in neuen wie alten Arbeiten: "Bevor sie eine ihrer bewegendsten Serien, 'The Blind' aus dem Jahr 1986, realisierte, hatte Calle Bedenken, das Projekt könnte grausam sein. Dazu gehörte, Menschen, die von Geburt an blind waren, zu bitten, ihre Vorstellung von Schönheit zu beschreiben. Doch dann antwortete der erste Mann, den sie ansprach, einfach und klar. 'In gewisser Weise gab er mir damit die Erlaubnis.' Schwarz-Weiß-Porträts der Teilnehmer werden mit ihren Antworten gepaart, zu denen unter anderem die Farbe Grün, der Schauspieler Alain Delon und Schafe gehören."
Stichwörter: Calle, Sophie

Efeu - Die Kulturrundschau vom 22.09.2026 - Kunst

Es gibt gerade 45 Kriege auf der Welt und schätzungsweise sterben dadurch jeden Tag etwa 550 Menschen, lernen wir von Zeit-Kritiker Dirk Peitz. Zum UN-Weltfriedenstag findet sich der Kritiker in der New Yorker Kathedrale St. John the Divine ein, wo der deutsche Künstler Philip Gröning mit der subtilen wie wirkungsvollen Klanginstallation "Sound of loss" dieses Sterben vergegenwärtigt: "Das erste laute Knackgeräusch kann man noch als Akustikproblem missverstehen, vielleicht ist jemand an ein Mikrofon gestoßen. Dieses Geräusch knallt hinein in die getragene Musik, die Ouvertüre von Beethovens Die Geschöpfe des Prometheus, die das Symphonieorchester der Vereinten Nationen zu Beginn spielt (...) Das Geräusch steht für einen Menschen, der an diesem Tag in einem Krieg sterben wird, es womöglich genau in diesem Moment tut. Das nächste Knacken folgt schon bald. Die Klopf-, Schlag- und Knackgeräusche, jedes verschieden und doch einander ähnlich wie die Menschen selbst, ziehen sich durch den ganzen Gottesdienst."

Besprochen werden "Von Monet bis Picasso. Jüdische Kunstsammler:innen in Deutschland." im Bucerius Kunstforum Hamburg (taz), zwei Ausstellungen zum 300. Geburtstag des Kupferstechers und Malers Daniel Chodowiecki: "Die zwölf Leben des Daniel Chodowiecki. Eine Wiederentdeckung zum 300. Geburtstag" im Schloss Neuhardenberg und "Daniel Chodowiecki 1726 - 1801. Berliner Bilder der Aufklärung" in der Gemäldegalerie am Kulturforum Berlin (FAZ) und die Ausstellung "Alltag in der DDR - Straßenfotografien aus den 70er Jahren" in den Art Lab Reinbeckhallen in Berlin (Tsp).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 21.09.2026 - Kunst

Vlassis Caniaris: Kind. © Nachlass Vlassis Caniaris, Foto: Sebastian Schaub.


Noch immer kämpfen migrantische Künstlerinnen und Künstler um Sichtbarkeit und Anerkennung, sieht Birgit Rieger für den Tagesspiegel in der Ausstellung "Kreuzberg: Kunst und Migration seit 1960" im Gropius Bau. Das Kuratorenteam Patrizia Dander und Gürsoy Doğtaş haben eine Ausstellung mit verschiedenen Kapiteln seit 1960 gestaltet: "Vlassis Caniaris' Assemblage 'Kind' verbreitet Siebzigerjahre-Flair, noch bevor man die Schau richtig betreten hat. Caniaris hat das Material für seine Installationen oft bei Besuchen in migrantischen Familien gefunden. So vielleicht auch den grün-gelb karierten Wollpullover, die Jeans-Schlaghose und das Bonanza-Fahrrad, mit dem seine 'Kind'-Figur ausgestattet ist. Den Kopf bildet ein zusammengerolltes Drahtgestell. Selbst die Kinder wurden in der Frühphase der Arbeitsmigration nicht als Individuen wahrgenommen. Solange ihre Eltern nur auf der Durchreise waren, durften auch sie nicht ankommen."
 
Für die taz unterhält sich Oliver Koerner von Gustorf mit dem Kurator Gürsoy Doğtaş, der ihm das Konzept der Ausstellung erklärt: "Wir gehen von den Werken aus und fragen von dort weiter, nach Stilen, dem Kritischen Realismus, der Fotomontage, der Pop Art, der Miniatur, und nach kuratorischen Gegenüberstellungen, die diese Unterschiede im Raum erfahrbar machen. Wir fragen, wie die Netzwerke organisiert waren, wer mit wem das Atelier teilte, wer gemeinsam ein Bild machte und welche Motive - der Stempel, der Koffer, die Kinder auf der Straße - Künstler*innen unabhängig voneinander fanden. Die Zeitgeschichte ist in alldem enthalten, sie ist der Stoff dieser Werke. Aber die Fragen, die wir an sie stellen, sind die der Kunstgeschichte. Viele dieser Künstler*innen hängen hier zum ersten Mal miteinander. Wir wollen sie in eine Kunstgeschichte einschreiben, die bisher ohne sie erzählt wurde."

Weiteres: Galerien sind vielleicht bald ein Ding der Vergangenheit, überlegt Emanuel Layr im Gespräch mit Steban Kobel für Monopol, seine Wiener Galerie löst er gerade auf. Ein Kunstsammler behauptet, ein Gemälde von Paul Klee zu besitzen, die Stiftung Paul Klee Zentrum spricht dem aber die Authentizität ab, Philipp Meier berichtet für die NZZ.

Besprochen werden die Ausstellungen "Derselbe Himmel" mit Fotografien von Ute Mahler in der Galerie Pankow (Berliner Zeitung) und "Schamanen Sibiriens - Zwischen den Welten" im Reiss-Engelhorn-Museum, Mannheim (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 19.09.2026 - Kunst

Das Kröller-Müller Museum in Gelderland in den Niederlanden hat die größte private Sammlung an Van-Gogh-Gemälden, was der Stifterin Helene Kröller-Müller zu verdanken ist, die schon 1909 die ersten drei Bilder des Malers erworben hat, wie Regine Müller in der taz weiß. In der Ausstellung "Van Gogh: All unsere Bilder" werden die Gemälde nach Paaren und Gruppen sortiert, was vor allem dann überzeugt, "wenn die jähe künstlerische Entwicklung des Malers auf fast bestürzende Weise evident wird. Wenn auf den scharfen Blick und die noch gebändigte Malweise des frühen van Gogh die Farbexplosionen des späten folgen, das Hineinbohren in die Details, in Äste, Wurzeln und Blüten, das sich zugleich mehr und mehr befreit vom Gegenständlichen, sich auflöst in Farbe und Licht. Am meisten aber überrascht, dass diese Ausstellung sich der üblichen Pathologisierung des Malers verweigert, ohne dass seine psychische Erkrankung verschwiegen würde." Es wird gezeigt, "dass die Kunst für van Gogh ein Anker der Stabilität war und ein Medium für seinen spirituellen Grundimpuls." 
 
Fast hätte die Rostocker Kunsthalle schließen müssen, nach dem Ende der DDR und der staatlich verordneten Museumsbesuche waren die Besucherzahlen stark eingebrochen, wäre da nicht der Zahnarzt Jörg-Uwe Neumann gewesen. Er hat die Kunsthalle ehrenamtlich übernommen. Mittlerweile kann er sich ein Gehalt zahlen, so erfolgreich ist sein Konzept, Gegenwartskunst und Populäres aus der DDR zu verknüpfen, wie Peter Richter in der SZ berichtet. Seine Devise: "Keine Angst mehr vor Figuration, auch nicht vor Kunst aus der DDR. Er holte die Skulptur-Ankäufe der Sechziger- bis Achtzigerjahre aus dem Depot und stellte sie in den Garten, wo sie sich jetzt gegenseitig zu bestaunen scheinen. Er zeigte den Rostockern wieder die alten Bekannten aus der Leipziger Schule, Tübke, Rink, Mattheuer, Sitte … Vor Letzterem habe die Bild-Zeitung eigens gewarnt - Zwischenfrage: Wegen der säftelnden Nackedeis? Neumann: 'Nee, wegen Kommunist' - und so erst recht für Andrang gesorgt." 
 
Weiteres: Die Astoria Artshow war eigentlich ein Ersatz für die Messe Viennacontemporary, Boris Pofalla gefällt die Messe in der Wams aber so gut, dass er hofft, sie möge weitergehen. Für die FAZ schaut Nicole Scheuerer vorbei. Laura Helena Wurth sieht sich für die FAS auf der Lyon-Biennale um. Nicola Kuhn hat im Tagesspiegel "miese Laune", weil es auf der Baustelle des Berlin Modern, als Museum für Kunst des 20. Jahrhunderts geplant, nicht vorwärts geht. Stefan Günther interviewt die Fotografin Petra Göllnitz für die NZZ zu ihren Arbeiten, die sich viel mit deutsch-deutscher Geschichte auseinandersetzen. Mit Freuden bestaunt Paula Jänig in der FAZ die detaillierten Illustrationen, die Anita Albus für das Buch "Der leidenschaftliche Gärtner" von Rudolf Borchardt gezeichnet hat. In Kopenhagen gibt es für Kunst-Fans eine Menge zu entdecken, wie Jens Bülskämper für den Tagesspiegel berichtet. Lisa-Marie Berndt interviewt die Fotografin Gisela Getty für Monopol, die sich in ihrem neuen Projekt "Age is a Strange Country" mit dem Älterwerden auseinandersetzt.

Besprochen werden die Ausstellung "Cy Twombly: Sperlonga 1959" in der Galerie Karsten Greve in Paris (FAZ) und Judith Rottenburgs kunsthistorische Studie "Die Kunst der Dekolonialisierung". Vom Aufbruch der afrikanischen Moderne und ihrer planetaren Vision" (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 18.09.2026 - Kunst

Chunqing Huang: "City Life. She's already started up the road. 2016. C-print. © Chunqing Huang 

Katharine J. Cichosch (taz) versteht sofort, warum das Bonner August Macke Haus die chinesische Malerin Chunqing Huang zu einer Einzelausstellung eingeladen hat, schlagen ihre Arbeiten doch eine "zeitgenössische Brücke" zu dem expressionistischen Maler. Etwa ihre Serie "En Vogue": "Zwei, drei Mal führt Huang die verdünnte Ölfarbe in einer halben Ellipse über die Bildfläche. Das Resultat sind Gemälde, die Drucken ähneln, wie eine Frottage von farbgetränktem Krepppapier vielleicht oder eine Lithografie. Es sind Überlegungen zu Mode, die sich hier malerisch Bahn brechen. … Und ganz ungeplant, weil weit vor der Ausstellung begonnen, erscheinen auch diese Leinwände in leuchtendem Gelb oder Orange und sattem Blau wie der Nachhall auf einen Künstlerkollegen - auf die betont heiteren Farbtöne, für die Museumstitelgeber August Macke bekannt wurde."

Annegret Erhard reist für die Welt auf die griechische Insel Samos, wo die private Schwarz Foundation seit Jahren ein Kunstfestival veranstaltet, und zwar kein schlechtes, wie Erhard bei der diesjährigen Ausgabe bemerkt, die unter dem Titel "Fragments and Futures" Antike auf Gegenwart treffen lässt: "Zu den eindringlichsten Positionen der klug kuratierten und nicht im Geringsten auf mediterranes Flair und Urlaubsstimmung ausgerichteten Präsentation gehört das tönerne und wunderschöne Totem der mit zahlreichen Preisen ausgezeichneten Griechin Natalia Manta. Die übermannsgroße Skulptur 'Faceless Entity' bezieht sich mit teils archaischen, ornamental gesetzten bildhaften Wissens- und Heritagefragmenten, mit anekdotischen Codes und kulturellen Verweisen auf die wechselvolle Geschichte der Insel. … Mit dem gesichtslosen Kopf beschreibt Manta den Begriff der Zeit als anonyme Kraft, die Geschichte und Kultur über die Jahrhunderte immer aufs Neue durchdringt."

Weitere Artikel: Die berühmte Dreifaltigkeitsikone von Andrej Rubljow aus dem 15. Jahrhundert, die Präsident Putin im Kriegsjahr 2023 aus der Moskauer Tretjakow-Galerie der russisch-orthodoxen Kirche übergeben hat, hat bei ihrem Umzug Schaden genommen, berichtet Kerstin Holm in der FAZ. Für die SZ besucht Verena Mayer Wiens neue Kunstmesse, die Astoria Artshow Vienna, und überlegt, ob Wien das "nächste große Ding" in der Kunstwelt wird. Welt-Kritikerin Martina Meister besucht den früheren Louvre-Chef Pierre Rosenberg, der seine riesige Sammlung dem neuen Musée du Grand Siècle in Paris schenkt. Im Monopol-Gespräch mit Elke Buhr erklärt Nanette Snoep, Leiterin des Kölner Rautenstrauch-Joest-Museums, deren Vertrag nun nicht verlängert wurde, den steten Widerstand gegen ihre Restitutions- und Dekolonisierungspolitik: "Ich denke, das ist die Angst, dass man etwas verliert. Sei es Macht, sei es ein Weltbild." Oder sein Museum?

Efeu - Die Kulturrundschau vom 17.09.2026 - Kunst

Giovanni Girolamo Savoldo: Maria Magdalena vor dem Grab, um 1535-40. National Gallery, London. © The National Gallery, London

Der Titel "Sin. Pray. Love" mag "frivol-poppig" klingen, die mehr als 110 Stücke aus tausend Jahren, die das Frankfurter Städel rund um die heilige Büßerin Maria Magdalena zeigt, sind aber "Hochkaräter", versichert Stefan Trinks in der FAZ. Von El Greco oder Benvenuto bis Max Beckmann oder Marlene Dumas - in jeder Epoche galt sie den Künstlern als Projektionsfläche: "Dem Barock ist sie lebendes Vanitassymbol mit Schädel und Spiegeln wie bei Georges de la Tours 'Büßender Magdalena bei der Meditation' von 1635. Die ähnlich wie Magdalena zerrissene Epoche reizt das Thema aber auch hin zum Schlafzimmerbild exzessiv aus. Halb nackt und vollbusig büßt und geißelt sie sich und liegt orgiastisch umher wie Berninis verzückte Teresa von Avila. Wer sich hier kopfschüttelnd fremdschämt für den allzu männlichen Blick, hat nicht unrecht, doch haben auch Künstlerinnen wie Lavinia Fontana, Elisabetta Sirani oder Luisa Roldán das Thema kaum weniger sinnlich angepackt." In der Zeit empfiehlt Raoul Löbbert die Ausstellung, in der FR Lisa Berins. 

Zum Gaza-Konflikt will sie sich lieber nicht äußern, den Code of Conduct, der Antisemitismus und Rassismus vorbeugen soll, hat sie auch nicht unterschrieben: Im großen Zeit-Interview mit Hanno Rauterberg erklärt Naomi Beckwith, neue künstlerische Leiterin der Documenta, weshalb: "Weil die Kunst in Deutschland frei ist. Und wir müssen um jeden Preis den Eindruck vermeiden, Politiker hätten Einfluss auf den Inhalt der Documenta." Gefragt, wie sie sicherstellen wolle, dass die geladenen Künstler keine aktivistische oder antisemitische Agenda verfolgen, antwortet sie: "Oh, das kann ich nicht sicherstellen. Und will es auch nicht. Auch Künstler sind Bürger und also frei in ihrer Meinung. (…) Ich bewerte nicht politische Positionen, für mich zählt die künstlerische Praxis." Es werde auch keine Überprüfung geben, ob sich ein Künstler eine BDS-Petition unterschrieben habe: "Wir machen hier keine Background-Checks. Als Kuratorin prüfe ich die Werke, nicht die Künstlerin oder den Künstler." Es gehe ihr aber um "konstruktive Kunst", nicht um eine, "die nur darauf abzielt, eine emotionale Reaktion aus den Menschen herauszukitzeln".

Efeu - Die Kulturrundschau vom 16.09.2026 - Kunst

Tintoretto: "Suzanne et les vieillards", vers 1555-1556. Wien, Kunsthistorisches Museum, Gemäldegalerie ©KHM-Museumsverband

Für die "monumentalen Spektakel" Tintorettos hätte das Pariser Musée Jacquemart-André gar keinen Platz. Gut so, findet Hans-Joachim Müller in der Welt, denn so kommen in der Ausstellung "Éternel Tintoret" auch die "bescheideneren" Werke des Renaissance-Genies zu ihrem Recht. Und dennoch: "Schweben, Stürzen, Streben, Stürme, Trümmer, böige Seelenwinde, verdrehte Augen, gereckte Arme, verkrampfte Hände - Entlastung oder Idyll sind nie. Schon auf dem Eröffnungsbild der Ausstellung lodern die Flammen auf. Orpheus in der Unterwelt bittet um Rückgabe seiner Eurydike. (…) Das Kammerspiel? Nein, dafür war Tintoretto nicht zuständig. Unter der ganz großen Bühne hat er es nicht gemacht. Dort war er Sonderklasse. Wie er seine Figuren gibt, als seien sie geradewegs beim Kampfspiel, auf der Flucht oder beim Hilfseinsatz in letzter Sekunde, auf dem Höhepunkt der Erregung oder beim entscheidenden Stichwort angekommen, das ist ohne Vergleich. Der Schöpfergott braucht nur den Arm auszustrecken, und schon fliehen alle Tiere vom Monsterfisch über die Flugente bis zum Löffelhasen, von Ost nach West."

Amel Bashier: "Home 2" © Amel Bashier/Axel Schneider

Im Sudan geboren, zeitweise auch in Saudi-Arabien aufwachsend, heute in Frankreich lebend, war der Weg zur Künstlerin für Amel Bashier kein einfacher, weiß Lisa Berins (FR), die derzeit im Frankfurter ZollamtMMK bewundern kann, wie Bashier auch in ihren Bildern für Selbstbestimmung und Freiheit von Frauen kämpft: "Die Gesichter der Frauen sind eher schematisch, sind eben keine Porträts, sondern so etwas wie Projektionsflächen. Assyrische und indische Formensprachen spielen hier mit, vermischen sich mit ihrer eigenen und mit traditioneller Malerei aus Nubien, dem antiken Königreich, in dem die 'Kandake'-Königinnen regierten. … Viele von Bashiers Heldinnen neigen den Kopf um anatomisch unmögliche 90 Grad, sodass er flach auf der Schulter liegt - ein Zeichen des Insichgekehrtseins, des Kraftsammelns. So meditieren sie, in einem Boot liegend, auf einer Wolke vor abstraktem Hintergrund kniend, auf einem Sessel sitzend und Musik hörend. Meist sind sie von rankenden Pflanzen umgeben, die sie mit ihrem Ursprung, ihrer Heimat, verwurzeln."

Weitere Artikel: In der FR erinnert Arno Widmann an das einstige Künstlerpaar Marina Abramović und Ulay. Besprochen werden außerdem der Kunstparcours "Unheimliche Verschiebungen" am Hauptbahnhof Dortmund (taz), Peter Behrbohms "Road Damage City Tour" durch Kreuzberg (taz), die Ausstellung "Rembrandt 1632. Die Entstehung einer Marke" im Herzoglichen Museum in Gotha (FAZ) und die Ausstellung "Kreuzberg: Kunst und Migration seit 1960" im Berliner Gropiusbau, in der Werke von migrantischen Künstlern zu sehen sind, die die Lebensrealität der ehemaligen "Gastarbeiter" in Bildern und Skulpturen verarbeiteten: Darunter auch Selbstporträts von Emine Sevgi Özdamar, freut sich Birgit Rieger im Tagesspiegel.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 15.09.2026 - Kunst

Sophie Jung, Hilka Dirks und Anna Meinecke teilen in der taz ihre Eindrücke der diesjährigen Berlin Art Week und sind enttäuscht. "Alles so schön glatt hier", winkt etwa Dirks ab, auch mit Blick darauf, dass im Rohbau des Museums Berlin Modern Gordon Matta-Clarks Arbeit "Doors Floors Doors" von 1976 noch einmal gezeigt wurde: "Was dann doch erschütterte, war die Biederkeit. Hatte man erwartet, dass im Stile Matta-Clarks in die Baustelle des Rohbaus eingegriffen werden würde, wurde man bitter enttäuscht: Was man sah, waren Filme. Die sind zweifellos toll, verwandelten aber die einst so radikalen Werke des Dekonstruktionskünstlers lediglich in museale Nostalgie und Sehnsucht. Nach einer analogen Zeit vor der kompletten Einverleibung jeden Funken Lebens in globale Markt- und Markenlogiken, die in dieser Art Week allgegenwärtig auf die Spitze getrieben zu sein schienen."

Besprochen werden außerdem Gunnar Eichholz' Text- und Bildband "Jugoslawien - Das Land, das es nicht mehr gibt" (Perlentaucher), die Ausstellung "Paloma Varga WEISZ" in der Synagoge Stommeln in Pulheim (Monopol), das Medienkunstfestival Ars Electronica in Linz (taz) und die Maurizio-Cattelan-Ausstellung in der Neuen Nationalgalerie in Berlin (NZZ, mehr hier).
Stichwörter: Berlin Art Week

Efeu - Die Kulturrundschau vom 14.09.2026 - Kunst

Michaela Nolte berichtet für den Tagesspiegel von der Kunstmesse Positions, die als Teil der Art Week im ehemaligen Flughafen Tempelhof stattfindet und dieses Jahr den Länderschwerpunkt Türkei hat. Besonders hervor hebt sie die Arbeiten von Ramazan Can: "Wie kleine Schreine nehmen sich die Holzobjekte mit den stilisierten Tulpen aus. Hinter Neonröhren mit abstrakten Mustern lugt ein Stück Teppich hervor. Eingefasst in Beton, verweisen Ramazan Cans Arbeiten auf die Geschichte der Nomaden: auf ihre Tradition, die Kunst des Webens und die erzwungene Sesshaftigkeit. Da viele von ihnen in Holzhäusern wohnen, die sie bisweilen abbauen und an anderen Orten wieder errichten, steckt auch eine subtile Form des Widerstands darin."
 
Weiteres: Es wäre ein gigantischer Fehler, wenn Berlin die Art Week nach dieser 15. Ausgabe einstellen würde, findet Nicola Kuhn im Tagesspiegel, die Hauptstadt würde am falschen Ende sparen, wenn sie auf diese schrille, bunte, pralle Woche verzichten würde.
 
Katharina Rustler ist für den Standard auf dem koreanischen Ableger der Frieze Art Fair in Seoul unterwegs und stellt fest, dass sowohl koreanische Kunst als auch Kunst in Korea boomen.