Efeu - Die Kulturrundschau

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

September 2026

Alter Wein in neuen Schläuchen

30.09.2026. Die Welt verfolgt in einer Ausstellung von Taryn Simon in Manhattan atemlos das Leben eines ehemaligen FBI-Agenten. Der neue Arthouse-Blockbuster von Alejandro G. Iñárritu kann die Kritiker leider trotz Tom Cruise als dickem Bösewicht nicht begeistern. VAN freut sich über Claus Guths psychologische Präzision in seiner Inszenierung der Mozart-Oper "Mitridate" in San Carlo. Der Designer Paolo Tumminelli fordert in der taz mehr Mut im Auto-Design. 

Schriftsteller, Ihre Papiere bitte!

29.09.2026. Die FAZ wird in der Fortsetzung von Karin Beiers Antiken-Zyklus "Fremde Sonne" am Schauspielhaus Hamburg von jahrhundertealtem Männerhass mitgerissen, auch die taz ist begeistert. Critic.de nähert sich in Lea Hartlaubs Dokumentation "sr" auf höfliche Weise Giraffen an. Die SZ schwelgt mit dem neuen Album von Neil Young in der "Unendlichkeit der Liebe". Und auch die deutschen Feuilletons diskutieren jetzt über Thélyson Oréliens mutmaßliches KI-Plagiat. 

Resignation mutiert in Optimismus

28.09.2026. Ex-Bachmann-Juror Philipp Tingler kritisiert die neue Jury-Vorsitzende Insa Wilke im Spiegel-Interview, die SZ glaubt, dass ein Generationenwechsel in der Jury dem Preis nur gut tun kann. Die Debatte um Thélyson Orélien geht weiter: Kamel Daoud fragt in Le Point, ob KI so gut ist wie ein Dichter. Die Exhumierung der Spontini-Oper "Die Vestalin" an der Berliner Staatsoper ist leider misslungen, findet  die FAZ. Und noch was ist wichtig: Die Arab Straps sind am Höhepunkt ihres Könnens angekommen, jubelt die taz.

Das arme, heiße Menschenherz verblutet sich

26.09.2026. Übersetzer Jürgen Ritte kann sich in der SZ nicht vorstellen, dass Thélyson Oréliens Roman "C'était ça ou mourir" von einer KI geschrieben wurde: Er wittert rechte Propaganda. Nachtkritik und SZ lauschen am Münchner Volkstheater der barocken Sprache der "Geierwally" und fragen sich: Kommt das große Gefühl zurück? Litauen ist ein Paradies für Design-Liebhaber, versichert die FAS. Die taz stellt die  Berliner Rapperin Wa22ermann vor. Die Welt besucht die Gwangju-Biennale und die große Immendorff-Retro in Düsseldorf.

Unkaputtbarer Eigensinn

25.09.2026. In der nachtkritik erklärt der Regisseur Kirill Serebrennikov, warum er sich nicht als russischer, sondern als europäischer Regisseur versteht. Der Tagesspiegel schwelgt in den "duftenden" Bildern des Renaissance-Malers Corregio. Die FAZ kann in Christophe Cotterets Dokumentarfilm "Disunited Nations - Die UNO und der Nahe Osten" beobachten, wie die UN-Sonderberichterstatterin Francesca Albanese moralisches Pathos an die Stelle von Beobachtung setzte. Punk ist nicht tot, ruft die taz erleichtert. 

Sanfte Fremdheit

24.09.2026. Die FAZ wohnt fasziniert einer seltenen Aufführung des japanischen Nō-Theaters in der Berliner Philharmonie bei. Die Zeit trifft den Schweizer Architekten Peter Zumthor, der seine Häuser auch mal um Bäume herumbaut. VAN geht internen Streitereien beim Deutschen Filmorchester Babelsberg nach. Frankreich streitet weiter leidenschaftlich über die KI-Plagiats-Vorwürfe gegen den haitianischen Autor Thélyson Orélien. 

Der Schauspieler Alain Delon und Schafe

23.09.2026. Die FAZ kann in Pawel Talankins und David Borensteins Dokumentarfilm "Ein Nobody gegen Putin" beobachten, wie die russische Jugend indoktriniert wird. Die SZ erlebt Kleists "Prinz von Homburg" in der Düsseldorfer Inszenierung Ulrich Rasches als unheilvollen Albtraum. Die Musikkritiker feiern John Coltrane, der heute einhundert Jahre alt geworden wäre. Die französische Literaturwelt brütet über einem Skandal: Der gefeierte Roman des haitianischen Schriftstellers Thélyson Orélien wurde angeblich in großen Teilen von KI verfasst. 

Die seltsame Unwucht

22.09.2026. Die FAZ ist beeindruckt von der Subtilität, mit der Adi Boutrous in seinem Tanzstück "Nature of a fall" die extreme Gewalt des Hamas-Angriffs vom 7. Oktober auf die Bühne bringt. In New York wird die Zeit von Philip Gröning mit einer Klanginstallation daran erinnert, dass jeden Tag 550 Menschen in Kriegen sterben. Der Filmdienst denkt über die Verwandtschaft der Filme Valeska Grisebachs mit dem italienischen Neorealismus nach. Die Literaturwelt trauert um die Verlegerin Antje Kunstmann. 

Wie galaktische Hexen

21.09.2026. An der Deutschen Oper erleben die Kritiker in Karlheinz Stockhausens Oper "Mittwoch aus Licht" esoterischen Wahn samt Streichquartett in fliegenden Helikoptern. Im Gropius Bau entdecken die Kritiker migrantische Kunst, die seit den 1960er-Jahren entschieden die Kreuzberger Szene mitprägt. Auf dem Filmfestival Toronto kann die FAZ die Bruchlinien sehen, die sich zwischen chinesischem, amerikanischem und europäischem Kino auftun. Die Posener Synagoge verfällt, obwohl sie ein bedeutender Erinnerungsort ist, klagt die Kulturhistorikerin Agnieszka Pufelska in der NZZ.

Keine Angst mehr vor Figuration

19.09.2026. Die Theaterkritiker erleben einen ziemlich sanften Frank Castorf in dessen "Mephisto"-Inszenierung am Berliner Ensemble. Der Dokufilm "Musk" wird wohl außerhalb der USA erstmal nicht ins Kino kommen, Elon Musk macht Druck, weiß die FAZ. Die SZ dankt dem Zahnarzt Uwe Neumann für die Rettung der Kunsthalle Rostock. Musikkritik ist nicht tot, beruhigt die taz. Literatur ist keine Brücke, sondern eine Leiter in unsere Abgründe, meint in der FAZ der Lyriker Tadeusz Dąbrowski. Und die FAS schläft einen ganzen Tag im Pokéball.

Wie ungern schauen wir hin?

18.09.2026. Mit zwölf Jahren Verspätung ist die 1,5 Milliarden teure Sanierung des Schauspiels Köln fertig: Dafür kann man jetzt in akustisch optimierten Sesseln sitzen, staunt die SZ. Die taz geht in Bonn über die zeitgenössische Brücke, die die Malerin Chunqing Huang zu August Macke schlägt. Die Theaterkritiker lauschen überwältigt dem Fauchen der 48-fach geteilten Streicher in Barrie Koskys Inszenierung von Aribert Reimanns Oper "Lear". Und BackstageClassical fragt sich, welchen Einfluss öffentlich-rechtlicher Sender wie ZDF und Arte mit Medienproduktionen auf den Klassik- und Opernbetrieb haben.

Wer sich hier kopfschüttelnd fremdschämt

17.09.2026. Der 7. Oktober war ein "abgebrochener Holocaust-Versuch", sagt Maxim Biller in der Zeit. Ebenda erklärt Naomi Beckwith, neue künstlerische Leiterin der Documenta, wie sie mit dem Antisemitismusproblem in der Kunst umgehen will. Angesichts der Affäre um Ed Sheeran und den Rapper Macklemore fragen sich die Zeitungen, ob überhaupt noch eine Veranstaltung ohne politischen Bekenntniszwang möglich ist. Die FAZ blickt außerdem im Städel auf tausend Jahre Maria Magdalena. Und der Perlentaucher bewundert, wie empathisch Marie Kreutzer von Kindesmissbrauch erzählt.

Entlastung oder Idyll sind nie

16.09.2026. Die Welt erkennt in Paris, dass Tintoretto auch in bescheidenen Formaten das ganz große Spektakel liebte. Die FR sammelt in Frankfurt mit Bildern der Künstlerin Amiel Bashier Kraft zum Kampf für die Freiheit von Frauen. Die FAZ erinnert die israelische Regierung mit Blick auf Yuval Abrahams und Rachel Szors "Naza" daran, dass der IDF eine demokratische Armee ist. VAN wünscht sich nach dem Musikfest Berlin, öfter Werke von Vladimir Jurowski zu hören.

Ohne naturalistisches Grunzen

15.09.2026. critic.de birgt in Venedig einen frisch geschliffenen Diamanten mit Lav Diaz' Film über spanischen Kolonialismus auf den Philippinen. Israels Kulturminister Miki Zohar will Yuval Abraham und Rachel Szor wegen ihres Films "Naza" die israelische Staatsbürgerschaft entziehen, und Ulf Poschardt applaudiert, notiert die SZ. Die FAZ blendet die Splattermovies in Matthew Wilds Inszenierung der Tschaikowski-Oper "Mazeppa" in Frankfurt aus - und erliegt der betörenden Musik. In der SZ plädiert die Architektin Almut Grüntuch-Ernst für mehr "Hortitecture". 

Ich hab keine Einstellung, ich hab ein Wirtshaus

14.09.2026. May el-Toukhy gewinnt in Venedig den Goldenen Löwen: Die Kritiker sind uneins über diese Auszeichnung. Insgesamt sind die Zeitungen mit dieser Ausgabe des Festivals aber sehr zufrieden. Jan-Christoph Gockels Inszenierung des "Schwejk"-Stoffes am Schauspiel Frankfurt ist für die Feuilletons der helle Wahnsinn. Die Zeit gerät beim Pariser Celine-Dion-Konzert ins Schwärmen. Der Tagesspiegel lernt auf der Kunstmesse Positions Ramazan Cans Werk kennen, das die Lebensweise der Nomaden mit modernem Neon verbindet.

Klingende Gegenwart des Mannes, den er liebte

12.09.2026. Die FAZ dokumentiert einen Briefwechsel zwischen der Dichterin Esther Kinsky und einer  Sheba genannten afghanischen Autorin, die Kinsky die Tradition der paschtunischen Landay-Dichtung erklärt. Die taz betrachtet in der Kunsthalle Gießen kongolesisch-deutsche Kunst der Verwandlung von DUO. In der FAS kritisiert Volker Kutscher den verschwörungstheoretischen Umgang der ARD-Serie "Babylon Berlin" mit historischen Fakten seiner Romanvorlage. nachtkritik überlegt, wie die Berliner Bühnen in Zeiten einer Rekordverschuldung Berlins zu retten sind. War Chopin schwul, fragt die FAZ, und wenn ja, ist das zu hören?

Starren in Abgründe

11.09.2026. Gerhard Richter bekommt einen eigenen Pavillon in Qatar, meldet Monopol: Der einzig richtige Ort, findet er. In der FR erzählt der Regisseur Jan-Christoph Gockel von seinen Gesprächen mit russischen Soldaten, in denen doch noch ein Gewissen zu schlummern scheint. Dass Yuval Abrahams und Rachel Szors Film "Naza", in dem IDF-Ehemalige über den Gazakrieg sprechen, im Wettbewerb in Venedig gezeigt wird, schadet dem Festival, findet Zeit Online. Die FAZ tankt ein wenig Restenergie mit Franz Marc in Düsseldorf.

Schwellkörper des Aufbegehrens

10.09.2026. Die Zeit schießt mit einer sehr zornigen Niki de Saint Phalle in Düsseldorf auf Eier und Spaghetti. Die Welt lässt sich in Berlin von Maurizio Cattelan an humanitäre Katastrophen erinnern. Erste Bewerbungen werden durch den Erfolg der AfD zurückgezogen, erzählt das Leitungsteam des Theaters Magdeburg in der SZ. Von einem Porno kaum noch zu unterscheiden, winkt die FR in Venedig mit Blick auf das Finale von Ilya Khrzhanovskys "Dau"-Projekt ab. Und die taz sieht Caroline Wahl als Vorreiterin einer neuen Popliteratur. 

Naturlaute und falsche Kuckucksrufe

09.09.2026. Die Shortlist für den Deutschen Buchpreis mit lauter Newcomerinnen ist da. Können wir über die Äußerungen des Jurymitglieds Maha El Hissy zu Israel und Gaza debattieren, fragt Brandenburgs Antisemitismusbeauftragter Andreas Büttner in der Jüdischen Allgemeinen. Der Guardian bewundert in Detroit Architekturbilder von Georgia O'Keefe. Die Filmkritiker sehen sich am Lido in Alex Gibneys Elon-Musk-Doku bestätigt: Musk ist ein schwer angeschlagener Paranoiker - sagt eine Ex.

Nicht nur zum Sattsein geboren

08.09.2026. Die NZZ gibt einen Ausblick auf die finale Staffel der israelischen Serie "Fauda", die nicht nur den 7. Oktober, sondern auch die militanten europäischen Hamas-Sympathisanten in den Blick nimmt. Monopol lernt in der Berlinischen Galerie von der Künstlerin Jeewi Lee, wie hoch der tägliche Sandverbrauch pro Kopf ist. Die Modebranche setzt jetzt auf's Buch, um die Old-Money-Eliten zurückzugewinnen, notiert die SZ. Und für die FR flaniert Claus Leggewie durch leere Kirchen im Armenhaus der Republik.

Wie indignierte Tiefseefische

07.09.2026. Das Filmfestival Venedig geht in seine zweite Hälfte über: Die FAZ denkt mit Sergei Loznitsa über die Sowjetunion nach, mit Lance Oppenheims Film über den Journalisten Chris Hansen tauchen die Kritiker in unangenehme Abgründe. Die NZZ entdeckt grandiose chinesische Lackkunst im Museum Rietberg. Thomas Glavinic verspricht im Standard-Interview nach einigen Skandalen Läuterung. Den Start von Çağla İlks Intendanz am Gorki betrachten die Kritiker mit besorgter Skepsis - zu viel Musealisierung, zu wenig Theater?  Nachtkritik lernt in Dresden mit Shakespeare-Sonetten in Christian Friedels Inszenierung sterben.

Die Schauder des Lustgruselns

05.09.2026. Die FAS wird nicht recht schlau aus dem Auftritt Boualem  Sansals beim Literaturfestival in Berlin. In der Welt erzählt Bernd Stegemann, wie ihn das angstlüsterne Berliner Theaterpublikum 2015 fast in die Arme der AfD getrieben hätte. Die FAZ besucht unter Bombenalarm eine Aufführung der "Odyssee" im Kiewer Iwan-Franko-Theater mit Soldaten des Asow-Regiments. Der Standard staunt, wie gut Sidney Sweeney die Rolle der lesbischen Boxerin Christy Martin in David Michôds Film "That's Why The Lady Is A Champ" verkörpert. Die Zeit entdeckt mit der Pianistin Yvonne Loriod auch eine unentdeckte Meisterin der Komposition.

Bald fliegen die Beine

04.09.2026. Die Filmkritiker verlieben sich in Venedig in die symbiotischen Zwillingsschwestern, die Werner Herzog durch die Weite der irischen Landschaft schickt. Dem Guardian bleibt vor Rührung das Herz fast stehen, nachdem er den Teppich von Bayeux nach 950 Jahren erstmals wieder in England bewundern durfte. In der SZ überlegen Matthias Lilienthal und Çagla Ilk, warum ihre Theater mehr sparen müssen als andere Häuser. Und ZeitOnline meint: Mit dem Auftritt von Dahabflex hat die Berliner Linke ihren Wahlsieg vergeigt.

Flirt auf des Messers Schneide

03.09.2026. Die Zeit blickt auf den Boykott israelischer und jüdischer Stimmen in der Literatur, die selbst zum Verstummen gebracht werden, wenn sie in Israel Morddrohungen erhalten. Die FAZ erklärt der AfD, wie idiotisch es ist, sich ausgerechnet mit Novalis zu schmücken. Außerdem lernt FAZ am Bauhaus Dessau: Algen, Hanf und Pilze sind die Zukunft des Bauens. Die NZZ blickt verträumt in die Wolken in einer Berner Ausstellung über Freilichtmalerei.

Der Maestro wird zur Marke

02.09.2026. Die Eröffnung der Filmfestspiele Venedig zeigt, dass sich das Kino in einer Existenzkrise befindet, seufzt der Tagesspiegel. Der Freitag erwartet derweil die auf Festivals inzwischen üblichen harschen Auseinandersetzungen um Gaza und Russland. Außerdem bejubeln die Filmkritiker Paweł Pawlikowskis Thomas-Mann-Film "Vaterland". Die SZ begeistert sich auf der Ruhrtriennale für Solal Mariotte und Anne Teresa De Keersmaekers getanzten Fiebertraum "Brel". Doch kein Milliardengrab? Die Welt zumindest ist voller Lob für die sauteure, aber äußerst elegant restaurierte Oper Köln.

Ultimative Reinwaschung

01.09.2026. Monopol trifft in einer Ausstellung des Bildhauers Charles Ray in Kassel riesige Madonnen und sehr kleine Mädchen, die Welt sucht dort vergeblich den Skandal. Die FAZ fragt sich nach der Lektüre von Wolfgang Ratherts Karajan-Biografie, ob der vielleicht doch mehr "Gesinnungsnazi" war als angenommen. Die Welt lässt sich bei Tanz im August von der Marseiller Balletttruppe "(La) Horde" und ihrem Stück "Nach mir die Sintflut" aus dem Sitz spülen. Der Schriftsteller Ingo Schulze ärgert sich im Freitag, dass ihn im "Gittersee"-Skandal niemand hat zu Wort kommen lassen.