Efeu - Die Kulturrundschau

Was alles verschwände

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
31.08.2026. Beim Kraftwerk-Konzert vor dem Bauhaus Dessau dämmert den Kritikern, was verloren gehen würde, wenn die AfD die deutsche Moderne abwickeln sollte. Die NZZ lässt sich bei der Schubertiade im Dreiländereck verzaubern. Mit Rachel Cusk spricht die Zeit darüber, was Berühmtheit eigentlich bedeutet. Wird der nächste James Bond eine Frau, fragt sich der Standard. Im neuen Entwurf der Penn Station wiederholt sich altbekannte Ästhetik, erkennt die FAZ. Atemlos folgen die Kritiker Prodromos Tsinikoris' Stück über die Ermordung der Juden in Thessaloniki durch die Nazis. Jossi Wielers Handke-Inszenierung begeistert den Tagesspiegel.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 31.08.2026 finden Sie hier

Musik

Dieser Auftritt am vergangenen Freitag hat Gewicht: Kraftwerk traten in Sachsen-Anhalt bei einem Open-Air-Konzert vor dem Bauhaus in Dessau auf. Seit vielen Jahrzehnten sind die Elektro-Pioniere dessen Ästhetik verpflichtet. Und dem Bauhaus sagt die AfD in Sachsen-Anhalt gerade, in einem Schweinsgalopp von Kulturbanausen-Barbarei, den Kampf an. Für die Band "war das 'Deutsche' stets in die Welt und in die Zukunft gewandt, und es war verwoben in ein internationales Netz wechselseitiger kultureller Einflüsse", schreibt Jens Balzer auf Zeit Online. "Damals wie heute feiern Kraftwerk das 'Deutsche' als deutsches Ingenieurs- und Technikerwesen, das verbindet sie mit dem Bauhaus, und es unterscheidet sie von der kulturellen Deindustrialisierung, die den Stichwortgebern der AfD (...) vorschwebt in ihren Beschwörungen einer diffus völkisch reformulierten, antimodernen und antitechnischen Romantik. ... Man erhielt doch an diesem Abend an diesem Ort noch einmal eine Ahnung davon, was alles verschwände, wenn die deutsche Moderne, die Kraftwerk und das Bauhaus vertreten, durch die deutsche Butzenscheibenästhetik der neurechten Kulturkämpfer ersetzt werden sollte." In der SZ berichtet Joachim Hentschel von dem Abend. 

Eleonore Büning resümiert in der NZZ die Schubertiade im Dreiländereck am Bodensee - für sie weiterhin "das Maß aller Dinge im Liedgesang". Das absolute Highlight war für sie der gemeinsame Auftritt von Konstantin Krimmel und dem Pianisten Ammiel Bushakevitz, denen seit geraumer Zeit die Herzen von Kritik und Publikum zufliegen (siehe dazu auch das Video ganz unten). Aber auch "die brillante österreichische Mezzosopranistin Sophie Rennert ist auf einem ganz anderen Stern unterwegs. ... Sie kommt von der Barockoper. Diesmal wagt sie sich zum ersten Mal öffentlich an Schuberts "Winterreise". Dass eine Frau in die Hosenrolle des Wandergesellen schlüpft, ist an sich keine Neuigkeit. Einer so luxuriösen, affektreichen Stimme voller Farben, mit einem so nobel dosierten Vibrato nimmt man die Seelentragödie des romantischen Aussteigers nicht ohne weiteres ab. Aber Rennert und ihr dynamisch auftrumpfender Klavierbegleiter Joseph Middleton legen jedes Wort auf die Goldwaage, Endreim für Endreim, jeder für sich."

Weiteres: Frank Jan Brachmann hat für die FAZ Christoph Lieben-Seutter besucht, den Intendanten der Hamburger Elbphilharmonie, die in diesem Jahr ihr Zehnjähriges feiert - und dabei sagenhaft erfolgreich ist: "Grob gerechnet habe sich das Publikum für klassische Musik und Jazz in Hamburg verdreifacht." Robert Mießner stellt in der taz die Arbeit des in Sachsen-Anhalt beheimateten Musiklabels und Buchverlags Moloko Plus vor. Frank Heer hält für die NZZ am Sonntag Ausschau, wer in den USA die nächste Dolly Parton werden könnte - und legt uns vor allem eine Künstlerin ans Herz: "Wenn es gegenwärtig eine junge Country-Musikerin gibt, die als Dolly Partons jüngeres Ich durchgehen könnte, dann ist es Megan Moroney." Für Zeit Online hält in dieser Frage derweil Johannes Schneider in Deutschland Ausschau, zaubert dabei aber doch nur "Andrea Berg und Roland Kaiser" aus dem Hut. Peer Teuwsen erzählt in der NZZ am Sonntag von einer Begegnung mit Rolling Stone Ronnie Wood.

Besprochen werden ein Grafenegger Beethoven-Abend mit dem Königlichen Concertgebouw-Orchester und dem Pianisten Vikingur Ólafsson ("Mit der Samtpfötigkeit einer Schmusekatze und der Behutsamkeit eines Zen-Meisters durchmaß der Isländer den Mittelsatz", staunt Christoph Irrgeher im Standard), die Zusammenstellung "Timeless" mit Songs aus dem Nachlass von Prince (FAZ), Sébastien Daucés Neuaufnahme von Francesco Cavallis Oper "La Calisto" mit dem Ensemble Correspondances (FAZ) und eine CD mit Brahms- und Mandyczewski-Aufnahmen des Bariton Konstantin Krimmel mit der Pianistin Ammiel Bushakevitz ("ein Genuss, dieser Zauberstimme zu lauschen", freut sich Werner M. Grimmel in der FAZ).

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Literatur

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Auf ZeitOnline spricht die Schriftstellerin Rachel Cusk mit Thomas David über ihren neuen Roman "Das Leben der M", in dem eine namenlose Ich-Erzählerin schildert, wie sie die weltberühmte Filmschauspielerin M porträtiert. In den USA haben Spekulationen, dass sich hinter dem Buchstaben Natalie Portman verbergen soll, die Veröffentlichung mit einigen Turbulenzen begleitet. Dass der Roman durchaus in der Realität fußt, stellt Cusk nicht in Abrede. Doch wer M tatsächlich ist, lässt sie offen. "Die zentrale Frage des Buchs dreht sich um die 'Form' der Berühmtheit, um das, was sie beinhaltet, und darum, ob sie lediglich eine Art Gefäß für Übertragungen ist oder ein lebendiges Verzeichnis von Trauma und Missbrauch darstellt. Meine Erzählerin entscheidet sich tatsächlich dafür, in der Form der Schauspielerin etwas zu sehen, das von ihr mit Persönlichkeit erfüllt werden kann, und nutzt sie beinahe therapeutisch. ... Die Unterscheidung zwischen realen und erfundenen oder fiktiven Elementen ist ein wesentlicher Bestandteil des Konzepts meines Buchs. Ich glaube, der Roman als literarische Gattung hat sich in unserer Zeit zu sehr von seiner Verbindung zur gelebten Erfahrung entfernt. "

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Außerdem: Im Dlf spricht unsere Lyrikkolumnistin Marie Luise Knott mit Carsten Hueck über die kürzlich auch als Buch erschienene Zusammenstellung ihrer bei uns veröffentlichten Lyrik-Texte (in unserem Podcast haben Benita Berthmann und Lukas Pazzini mit Knott gesprochen). Inga Barthels spricht im Tagesspiegel mit Ruth-Maria Thomas über deren Roman "Die zweitgrößte Liebe", der davon erzählt wie eine Liebe zwischen zwei finanziell sehr ungleich aufgestellten Menschen scheitert. Michael Hesse berichtet in der FR von der Verleihung des Goethepreises an Uwe Timm, bei der der Schriftsteller eindringlich vor der AfD warnte (unser Resümee). Sylvia Staude berichtet in der FR von der Begrüßung der Schriftstellerin Judith Kuckart als Stadtschreiberin von Bergen-Enkheim.

Besprochen werden unter anderem Boualem Sansals "Die Legende" (Standard), Dana Vowinckels "Anton und Alma" (FR), Caroline Wahls "1999 Meter über dem Meer" (Standard, NZZWelt), neue Comics zu historischen Themen (Intellectures), Peter Henischs "Muttersuchen" (Standard), Ulf Erdmann Zieglers "Mann ohne Kind" (NZZ) und Werner Bätzings "Die Alpen. Geschichte und Zukunft einer europäischen Kulturlandschaft" (FR). Mehr dazu in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
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Stichwörter: Cusk, Rachel

Film

Valerie Dirk plaudert im Standard mit dem britischen Filmexperten Neil Young über die eigentlich längst überfällige Bekanntgabe des nächsten James-Bond-Darstellers, nachdem als nächster Bond-Regisseur bereits Denis Villeneuve feststeht. Vielleicht wird es ja doch eine Frau? "Emily Blunt ist mehrfach genannt worden und erfüllt alle Voraussetzungen: Sie kann Action und sie besitzt die nötige Präsenz. Man könnte sich den Beginn eines Films vorstellen: ein dunkles Schlafzimmer, ein Mann und eine Frau. Sie erschießt ihn. Als er stirbt, fragt er: 'Wer bist du?' Und sie sagt: 'Der Name ist Bond. Jane Bond.' Natürlich ist das provokant. Aber warum eigentlich nicht? Die Vorstellung, James Bond müsse für immer ein weißer, heterosexueller Mann sein, halte ich für absurd."

Weiteres: Vierra Pirker und Sarah Stutte resümieren im Filmdienst das Filmfestival Locarno, dem sie als Mitglieder der ökumenischen Jury beigewohnt haben. Besprochen werden Cyril Aris' libanesisches Liebesdrama "A Sad and Beautiful World" (NZZ am Sonntag, mehr dazu bereits hier), die Arte-Serie "Familiengeheimisse" (Welt), Mike van Diems "Our Girls" (Standard) und der auf Netflix gezeigte Thriller Der Kinderflüsterer" mit Robert de Niro (SZ).
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Stichwörter: James Bond, Blunt, Emily

Architektur

In der FAZ hat Bernhard Schulz gar nichts dagegen einzuwenden, dass Donald Trump sich beim Umbau der 1963 abgerissenen und 1968 wieder aufgebauten New Yorker Penn Station am ursprünglichen Zustand orientiert. Das liegt auch am Entwurf von Vishaan Chakrabarti, der zwar nicht mit antikischen Säulen prunkt, "wohl aber mit einer eindrucksvollen Reihe einer Art von Bündelpfeilern, die einen angedeuteten Architrav tragen und über dem sich zurückgesetzt die neu verkleidete Rotunde des Madison Square Gardens erhebt. Die ganze Front an der Achten Avenue, die bislang keinen Zugang zum Bahnhof aufweist, wird in einer zeitlos sein sollenden Architektursprache gestaltet. (…) New Yorker Kritiker heben die Anleihen beim Art déco der Dreißigerjahre hervor, einem Stil, der in den USA dank der zahlreichen öffentlichen Bauten unter der Präsidentschaft von Franklin Roosevelt bis heute präsent ist. (…) So eindrucksvoll die Bahnhöfe der USA von Chicago bis Washington auch ausfielen - und in New York mit Grand Central gleich noch ein zweites, zum Glück erhalten gebliebenes Beispiel vorweisen -, stilistisch sind sie zumeist, wie einst der große Kunsthistoriker Nikolaus Pevsner urteilte, 'Classical Re-Revival', ein Aufguss des schon einmal Aufgegossenen."

Weiteres: Nikolaus Bernau macht sich im Tagesspiegel Gedanken, was aus dem Reichskanzleibunker werden soll.
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Kunst

In Spanien zeichnet sich ein merkwürdiger Trend ab. Immer rücksichtsloser gehen Täter bei Museumsdiebstählen vor, schildert Hans-Christian Rössler in der FAZ, in der Kleinstadt Villena wurde ein eigentlich unverkäuflicher Goldschatz geraubt: "Jetzt wird befürchtet, dass der Schatz eingeschmolzen wird. Den Marktpreis für die 9,3 Kilogramm Gold schätzt man in Spanien auf rund 1,2 Millionen Euro. Insgesamt waren es 66 Stücke aus Gold, Silber, Eisen (darunter auch Meteoritenerz) und Bernstein. Sie sind so bekannt, dass es selbst auf dem Schwarzmarkt schwierig wäre, sie zu verkaufen - wenn kein Sammler den Auftrag zum Raub gegeben hat. (…) Die jüngsten Diebstähle seien von dezentralisierten 'Ad-hoc-Gruppen profitorientierter Opportunisten' verübt worden, die über soziale Medien auf 'Crime as a Service'-Basis rekrutiert würden."

Weiteres: Gesine Borcherdt schreibt den Nachruf auf Yayoi Kusama für die Welt. Monopol stellt das Programm der DC Open vor.

Besprochen wird: Die Ausstellung "Gabriele Stötzer: Dabei sein und nicht schweigen" im Berliner Gropiusbau (taz).
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Stichwörter: Kunstraub

Bühne

"96%". Bild: Thomas Müller.


"96 %" heißt das Stück von Prodromos Tsinikoris, Preisträger der Goethe-Medaille, das auf dem Kunstfest Weimar aufgeführt wird. Der Titel des Dokustücks bezieht sich auf die Ermordung von 96 Prozent der Juden aus Thessaloniki im Holocausterklärt Nachtkritiker Vincent Koch: "Tsinikoris nennt seinen Abend selbst eine 'Choreografie von Fakten, Mythen und Vorurteilen'. In sechzig Minuten atemloser Spielzeit prasseln seine Recherchen, Interviewausschnitte und auch Reflexionen zum künstlerischen Prozess des Erinnerns auf einen ein. Manchmal entwickeln sich auch kleine Interaktionen unter den Performenden, zum Beispiel als es darum geht, ob man die Namen der Nazi-Kollaborateure öffentlich verlesen sollte, die sich an Gegenständen jüdischer Personen bereichert haben, die nach Plünderungen verscherbelt wurden. (…) Mehrfach am Abend fällt der Satz, dass Menschen in Thessaloniki geblieben sind, weil ihnen der Nebel dort so gut gefallen habe. Es scheint so, als habe sich auch um die Biografien der jüdischen Menschen, aufs grauenhafteste geprägt durch die Gräueltaten der Nazis, ein dichter Nebel gelegt. Prodromos Tsinikoris hat es mit '96 %"'geschafft, den Nebel dieser kollektiven Amnesie ein bisschen zu lichten."
 
In der taz kann sich Hilda Dirks nur anschließen: "Gemeinsam mit den Schauspieler:innen Alexandra Chatzopoulou-Saias, Natassa Daliaka und Panagiotis Manouilidis erzählt Tsinikoris vom Persönlichen und Historischen. Dabei ist es nicht nur seine eigene Geschichte zwischen jugendlichen Tendenzen zum griechischen Nationalismus der Zeit und dem heutigen Kampf gegen die Windmühlen des Vergessens, die immer wieder die Nacherzählung von Kriegsjahren, Vertreibung und Vernichtung unterbrechen, sondern auch die Familiengeschichte Chatzopoulou-Saias' und die aufgezeichneten Gespräche mit ihrer Großmutter, die als Kind vor der deutschen Besatzung floh und den Krieg unter dem Schutz der Partisanen überlebte. Die Spannung zu halten gelingt den Performenden trotz größtenteils griechischer Sprache und Übertiteln mühelos, während sie vor dem simplen Bühnenbild eines bestuhlten Tisches, eines Klaviers, einer notizüberfüllten Pinnwand und projiziertem Archivmaterial von den Unfassbarkeiten der nationalsozialistischen Verbrecher und ihrer Kollaborateure in der zentralmakedonischen Küstenstadt berichten."

"Schlichtweg sensationell" findet Tagesspiegel-Kritikerin Christine Wahl den Saisonauftakt des Berliner Ensembles, Jossi Wielers Inszenierung von Peter Handkes "Schnee von gestern, Schnee von morgen". Die Darsteller Jens Harzer und Marina Galic sind hinreißend in diesem Handke-typischen Textwirrwarr: "Sie durchwandern diese Textfläche nicht etwa, sondern sie bewohnen sie; bewegen sich tatsächlich in einer Natürlichkeit durch diesen kunstvollen Handke-Sound, als wären sie in ihren ureigenen Synapsensystemen unterwegs. Man muss an Wladminir und Estragon aus Becketts 'Warten auf Godot' denken, nur dass hier eben niemand (mehr) auf irgendeine Transzendenz-Komponente wartet, weil Galic und Harzer den Text ohne jedes Raunen im Hier und Jetzt verorten. Wo Schauspieler beim Genre der Textfläche häufig verzweifelt Spielanlässe suchen, grooven die beiden sich völlig organisch vom Rampen-Dialog in einen getwisteten Pas de deux und von dort weiter in einen Box-Nahkampf hinein, ohne dass es je hergestellt wirkt."

Weiteres: Beate Scheder resümiert für die taz das Berliner Festival "Tanz im August". Ueli Bernays unterhält sich für die NZZ mit dem Regisseur Tiago Rodrigues.
 
Besprochen wird György Ligetis "Le Grand Macabre" auf dem Musikfest Berlin, inszeniert von Frederic Wake-Walker (FAZ).
Archiv: Bühne