Efeu - Die Kulturrundschau
Herzig, herb, harzig
Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
29.08.2026. Die FAS befürchtet, dass eine Deutsche Porträtgalerie, wie sie Wolfram Weimer vorschwebt, völkische Tendenzen bestärken könnte. Die FAZ reist mit Paweł Pawlikowskis klugem Film "Vaterland" und Thomas Mann durch das zerstörte Nachkriegsdeutschland. Die NZZ gruselt sich in einer Ausstellung in Rom, die Kunst zu Ovids "Metamorphosen" versammelt, vor dem allzu lebendigen Schlangenhaar von Rubens "Medusa". Die SZ lauscht dem Harfenzirpen auf dem neuen Album des Schauspielers Anthony Hopkins.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
29.08.2026
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Film

In der FAZ spricht Hanns Zischler mit Andreas Kilb über seine Rolle als Thomas Mann in Paweł Pawlikowskis beim Filmfestival in Cannes sehr positiv aufgenommenen Film "Vaterland". Der polnische Film erzählt davon, wie Thomas Mann 1949 mit seiner von Sandra Hüller gespielten Tochter Erika Mann quer durch das zerstörte Nachkriegsdeutschland reist. Zischler findet, "dass der Film auf faszinierende Weise den Augenblick der Krise Deutschlands im Jahr 1949 erfasst. ... Man kann sich fragen: Was ist denn dieses Deutschland? Wie ist es so geworden, dass es in zwei Teile zerbrach, was für Thomas Mann eine Katastrophe war? Der Film beharrt ja auf einer Episode, die nicht gerade ein historisches Riesenereignis war. Aber dadurch, dass sie in Frankfurt und Weimar spielt, dass sie durch deutsche Städte und Landschaften führt, die vom Krieg gezeichnet sind, bekommt das Ganze eine andere Dimension. Es geht auch um die Frage, was Heimat ist. All dieses neuerdings wieder aufkommende dumme Gewäsch darüber, was deutsch zu sein hat, ist am Anfang des Films bereits thematisiert. Ich wüsste nicht, welcher deutsche Regisseur das in dieser konzentrierten Form machen könnte."

Weiteres: Marius Nobach schreibt im Filmdienst zum Tod von Tim Curry (weitere Nachrufe hier). Besprochen werden Brezel Görings Super8-Punkfilm "Für immer 16" mit Lilith Stangenberg (FAZ, unsere Kritik), Will Glucks romantische Sexkomödie "One Night Only" (Standard, mehr dazu bereits hier), Ridley Scotts "Das Ende der Sterne" (critic.de), der Actionfilm "Mutiny" mit Jason Statham (Standard) und der auf Netflix gezeigte Thriller "Kinderflüstern" mit Robert de Niro und Adam Scott (FAZ).
Kunst

Fasziniert taucht NZZ-Kritiker Jürgen Müller in der Ausstellung "Metamorfosi. Ovidio e le arti" in der Galleria Borghese in Rom in das Universum Ovids ein. Ganze achtzig Kunstwerke, die wichtige Motive von Ovids "Metamorphosen" in Szene setzen, kann man hier entdecken: "Zur Liebe gehört bei Ovid stets auch ihr dunkles Gegenbild: Gewalt, Verlust und Schrecken. Kein Mythos verkörpert dies eindringlicher als jener von Medusa, einer schönen Frau, die in ein Monstrum verwandelt wird. Die Ausstellung versammelt mehrere Darstellungen ihrer Enthauptung durch Perseus. Besonders eindrucksvoll ist Rubens' Gemälde 'Haupt der Medusa'. Es zeigt das abgeschlagene Haupt, dessen Schlangenhaar noch aufgeregt in alle Richtungen strebt, als hätte sich die Dekapitation erst im Augenblick zuvor ereignet. Scheint auch der Sieg über das Ungeheuer vollzogen, ist die Gefahr keineswegs gebannt. Die Schlangen wirken, als könnten sie sich jeden Moment vom abgeschlagenen Haupt lösen und in die Welt des Betrachters vordringen."
Julia Encke ist in der FAS nicht besonders begeistert von Wolfram Weimers Idee einer Nationalen Porträtgalerie in Deutschland (unsere Resümees). Deutschland sei mit Blick auf seine Geschichte nun mal ein Sonderfall, da helfe es auch nichts, wenn der Historiker Christopher Clark, der eine erste Porträtausstellung im Deutschen Historischen Museum mitkuratieren wird, vorschlägt, auch Abbilder von unbekannten Personen vorkommen zu lassen. Die "schwarzen Löcher historischer Abgründe lassen sich nicht mit denen füllen, die bisher zu kurz gekommen sind. Zugleich ist es ja gerade die Prominenz der dargestellten Personen, die in London den großen Reiz ausmacht, weil die Bekanntheit für die Betrachtenden Anknüpfungspunkte schafft, die zur Auseinandersetzung mit der jeweiligen Darstellung anregen. Dass das ganze Projekt auch vom 'verengten völkischen Geschichtsbild' der AfD vereinnahmt werden könnte, anstatt diesem etwas entgegenzusetzen, deutete sich eigentlich schon an, als nach den Äußerungen des Kulturstaatsministers ein Kommentator der Welt jubelte und das Deutsche Historische Museum für sein 'aufgeklärtes, differenziertes, positives deutsches Nationalbewusstsein' feierte."
Bühne

Weitere Artikel: Katharina Granzin erzählt in der taz von ihrer Zeit als Statistin beim Opernfestival in der Arena di Verona. Birgit Rieger resümiert für den Tagesspiegel das Eröffnungswochenende der Deutschen Oper.
Musik
Mit Gustavo Dudamel und dem Philharmonia Orchestra hat der Schauspieler Anthony Hopkins namhafte Partner finden können, die seine Kompositionen auf dem Album "Life is a Dream" verewigen. Zwar "ist virtuose Technik kaum gefragt", schreibt Helmut Mauró in der SZ, doch "dafür Klangkreativität und Motivation, aus der Partitur das Letzte an emotionaler Wirkung herauszuholen. ... Sie beginnt vielversprechend", es "stimmt vieles, vielleicht sogar alles". Schließlich "strömt der Orchesterklang ... durch Streichergewölk zu Harfenzirpen und Zimbelklingel, ein Klavier kommt hinzu, changiert zwischen Johannes Brahms, Gustav Mahler und Richard Clayderman, greift eine Filmmelodie auf - Emotionen pur. Ennio Morricone hätte es nicht viel besser hinbekommen. ... Dann 'My Fatherland'. Hier spricht das Cello. Herzig, herb, harzig, schließlich wimmernd, darüber ein Feenchor, der wie aus Wolken herabschwebt und schnurstracks in eine choralartige Hymne verfällt. ... Und doch fehlt etwas, man sucht nach Bildern, Bewegung, Landschaften, blökenden Lämmern, gebeutelten Menschen."
"Es scheint ein pneumologischer Zwang zu sein, dass klassische Musik zum Husten reizt", schreibt Isolde Sellin auf ZeitOnline. Abhilfe soll dem nun das Kulturbonbon "Caruso" schaffen, dessen Hersteller versprechen, dass man ein Konzert genießen kann, ohne sich vor den Mitanwesenden als Huster zu blamieren. Allerdings fände Sellin es dann doch auch schade, wenn die "Hustensymphonie" in Zukunft verstummen sollte: "Wie soll das klingen, Mozart, Wagner und Beethoven ohne Husten? ... Was wäre der Gang ins Konzert ohne die strafenden Blicke der Sitznachbarn, wenn man Luft auspustet? Und worüber redet man in der Pause bei einem Glas Sekt? ... Gerade die Unterbrechung, der Huster, gehören zum Live-Erlebnis eines Konzerts und einer Oper. Es ist die menschliche Gemeinschaft mit all ihren Fehlbarkeiten, ihren trockenen Kehlen und empfindlichen Bronchien, derentwegen man sich in einen solchen Saal setzt. Huster aller Welt vereinigen sich im Konzertsaal."
Weitere Artikel: Die Folgen des Klimawandels, die auch in Deutschland immer häufiger Starkregen und Waldbrände begünstigen, stellen für die Veranstalter von Open-Air-Festivals ein immer größeres Risiko dar, schreibt Kristoffer Cornils in der taz. Tim Caspar Boehme tröstet sich in der taz über die zahlreichen Tode prominenter Künstler in den letzten Tagen mit der Chormusik von Nico Muhly. Jenni Zylka schreibt in der taz zum Tod von Dolly Parton, während Jörg Thomann in der Frankfurter Pop-Anthologie der FAZ sich eingehend mit Partons Stück "Jolene" befasst (weitere Nachrufe auf Dolly Parton finden Sie hier).
Besprochen werden Herbert Grönemeyers politisch motiviertes Chorkonzert in Magedburg (Er ist "das popmusikalische Restgewissen der Nation", schreibt ZeitOnline-Kritikerin Julia Lorenz), ein Konzert des Jazzmusikers Markus Stockhausen in Frankfurt (FR) und das Solo-Comeback von Beastie Boy Mike D (Zeit Online).
"Es scheint ein pneumologischer Zwang zu sein, dass klassische Musik zum Husten reizt", schreibt Isolde Sellin auf ZeitOnline. Abhilfe soll dem nun das Kulturbonbon "Caruso" schaffen, dessen Hersteller versprechen, dass man ein Konzert genießen kann, ohne sich vor den Mitanwesenden als Huster zu blamieren. Allerdings fände Sellin es dann doch auch schade, wenn die "Hustensymphonie" in Zukunft verstummen sollte: "Wie soll das klingen, Mozart, Wagner und Beethoven ohne Husten? ... Was wäre der Gang ins Konzert ohne die strafenden Blicke der Sitznachbarn, wenn man Luft auspustet? Und worüber redet man in der Pause bei einem Glas Sekt? ... Gerade die Unterbrechung, der Huster, gehören zum Live-Erlebnis eines Konzerts und einer Oper. Es ist die menschliche Gemeinschaft mit all ihren Fehlbarkeiten, ihren trockenen Kehlen und empfindlichen Bronchien, derentwegen man sich in einen solchen Saal setzt. Huster aller Welt vereinigen sich im Konzertsaal."
Weitere Artikel: Die Folgen des Klimawandels, die auch in Deutschland immer häufiger Starkregen und Waldbrände begünstigen, stellen für die Veranstalter von Open-Air-Festivals ein immer größeres Risiko dar, schreibt Kristoffer Cornils in der taz. Tim Caspar Boehme tröstet sich in der taz über die zahlreichen Tode prominenter Künstler in den letzten Tagen mit der Chormusik von Nico Muhly. Jenni Zylka schreibt in der taz zum Tod von Dolly Parton, während Jörg Thomann in der Frankfurter Pop-Anthologie der FAZ sich eingehend mit Partons Stück "Jolene" befasst (weitere Nachrufe auf Dolly Parton finden Sie hier).
Besprochen werden Herbert Grönemeyers politisch motiviertes Chorkonzert in Magedburg (Er ist "das popmusikalische Restgewissen der Nation", schreibt ZeitOnline-Kritikerin Julia Lorenz), ein Konzert des Jazzmusikers Markus Stockhausen in Frankfurt (FR) und das Solo-Comeback von Beastie Boy Mike D (Zeit Online).
Literatur

Besprochen werden unter anderem Ingo Schulzes "Das Wasser im August" (taz, SZ), Caroline Wahls "1999 Meter über dem Meer" (taz), Johannes Ehrmanns "Amerika '33. Die große Krise der Freiheit" (Welt), Valeria Gordeevs "Die Zikade entschlüpft ihrer goldenen Hülle" (FAZ) und Frauke Brosius-Gersdorfs "Wahl und Wahrheit. Was unser Grundgesetz gefährdet und wie wir es schützen" (FAS). Mehr dazu in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
In der Frankfurter Anthologie schreibt Ute Jung-Kaiser über "Der Kolibri kam nie" von Ronald Stuart Thomas.
"Wir warteten,
den Atem angehalten, die Blicke gezielt,
der Garten so verlockend ..."
Architektur
Vorzüglich kuratiert findet Bernhard Schulz im Tagesspiegel die Ausstellung "Josef Kaiser. Bauen für die DDR" in der Berlinischen Galerie. Eine angemessene Würdigung für den DDR-Architekten, der ikonische Gebäude zu verantworten hat, wie die beiden Kinos "International" und "Kosmos": "Mit den Pavillons entlang der Magistrale und dem Hotel dahinter schuf Kaiser Bauten, die Leichtigkeit und Eleganz ganz selbstverständlich zum Ausdruck bringen. Kaiser wagte zudem um 1970 herum visionäre Entwürfe, die in der DDR nicht realisierbar waren, wie die beidseitig schräg ansteigenden 'Großhügelhäuser' als Megastrukturen gemeinschaftlichen Wohnens. Die Moderne hat Kaiser erst im Lauf der Zeit erlernt. Begonnen hat er bei einem ausgewiesenen NS-Architekten, und er kam als Leiter einer Bauabteilung in Oberschlesien leidlich durch den Krieg. In der jungen DDR machte er 1955 Furore mit dem Kulturhaus der Maxhütte im thüringischen Unterwellenborn, einem Prestigebau der SED-Politik. Es entstand eine klassizistische Anlage mit Tempelfront und besten Materialien, Vorbild für etliche weitere, jedoch kaum einmal an solche Monumentalität heranreichende Kulturhäuser. Anschließend baute Kaiser Wohnkomplexe in Stalinstadt, ab 1961 Eisenhüttenstadt, in jenem braven Heimatstil, den sich die frühe DDR zugelegt hatte."
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