Sehnsucht
Roman

Rowohlt Berlin Verlag, Berlin 2026
ISBN
9783737102322
Gebunden, 224 Seiten, 24,00
EUR
Klappentext
Aus dem Polnischen von Olaf Kühl. Erwin Piontek, Bergmann im Ruhestand, geht seinen Lebenstraum - eine Weltumseglung - bescheiden an: im Boot auf einem Stausee. Doch während er segelt, wird er ein anderer, beginnt für ihn eine höchst abenteuerliche Reise, die ihn durch Zeiten und Kontinente führt: Plötzlich kämpft er als Soldat in Deutsch-Südwestafrika gegen den Kolonialismus, bald darauf soll er in Berlin, um der Gerechtigkeit willen, einen grausamen Offizier töten, muss dann schwimmend flüchten, geht unter … und taucht neugeboren 1979 wieder auf, wird polnischer Präsident und ringt um die Macht in einem nach rechts gerückten Europa. Ein Name reicht Szczepan Twardoch, um das 20. und 21. Jahrhundert zu erzählen. Ein Mann, der seinen Träumen durch Zeiten und Epochen hinterherjagt - derselbe Mensch in drei unterschiedlichen Leben. Wie bin ich geworden, der ich bin? Warum ist der Mensch zerrissen zwischen der Sehnsucht nach Ferne, dem Anderen - und der nach Heimat? Ein Abenteuer, eine Feier der Freiheit, das Neue zu denken und zu tun.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk, 31.07.2026
Rezensentin Katharina Teutsch hat Spaß mit Szczepan Twardochs neuem Roman, in dem der Autor gleich mehrere Protagonisten oder einen Protagonisten und seine Doppelgänger auftreten lässt, zudem Erzähler zweiter Ordnung. Oder gar dritter? Sicher ist in diesem Text nichts, warnt die Rezensentin. Nur die Unterhaltsamkeit scheint garantiert, wenn der Autor die recht unterschiedlichen Biografien seiner Hauptfigur und seiner Namensvetter erzählt. Am Ende hängt alles mit allem zusammen, erklärt Teutsch. Dass der Roman gut ausgeht, erscheint ihr als Sensation bei diesem Autor.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 15.07.2026
Paul Jandl annonciert einen typsichen Twardoch mit diesem neuen Roman, wenngleich nicht den besten des "polnischen Kraftprotzes", wie der Kritiker einräumt. Macht aber nichts, denn Twardochs Spezialitäten - Atmosphären gestalten, individuelle Schicksale in historische Panoramen einbetten und den eigenen Kulturpessimus in geschliffene Worte bringen - greifen auch hier, versichert Jandl. Und so folgt er dem inzwischen pensionierten Bergmann Erwin Piontek, der sich auf dem heimatlichen Stausee von Rybnik auf eine imaginäre Weltumseglung begeht, dabei nicht nur fremde Orte, sondern auch mythische Wesen fantasiert und schließlich viral geht. Damit aber nicht genug: Weil Twardoch überzeugt ist, dass sich Geschichte immer wieder im Schlechten wiederholt, schickt er seinen Erwin auch noch auf Zeitreisen. So ist jener im 19. Jahrhundert am Völkermord an den Herero beteiligt, dann wieder Doppelgänger eines rechten polnischen Präsidenten der Gegenwart, der sich bestens mit dem deutschen AfD-Kanzler Tino Chrupalla versteht. Olaf Kühls gewohnt punktgenaue Übersetzung und Twardochs filmische Erzwählweise reißen Jandl mit, ein bisschen zu überstrapaziert erscheint ihm das "metafiktionale Hütchenspiel" des Autors in diesem Roman dann aber doch.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 13.07.2026
Rezensentin Judith von Sternburg hält den neuen Roman von Szczepan Twardoch für nobelpreiswürdig. Aber erst in einigen Jahrzehnten. So lange wird es wohl dauern, bis die Brillanz des Buches bei allen angekommen ist, mutmaßt Sternburg, die selbst Schwierigkeiten hat, das Spiel mit Perspektiven, Zeitebenen und Metaebenen im Text zu durchschauen. Die Handlung ist eigentlich kaum wiederzugeben, auch wenn die Rezensentin sich alle Mühe gibt. Hier nur so viel: Es geht um den ehemaligen Bergbauarbeiter Erwin Piontek, der sich endlich seinen großen Traum von einer Weltumseglung erfüllen will. Auf der verschlägt es ihn unter anderem nach Namibia ( im Jahr 1905 noch Südwestafrika), wo er vom Nama-Anführer Kaptein Witbooi mit dem Mord an Curt von François, einem Militär und Kriegsverbrecher beauftragt wird. Das ist allerdings nur eine Handlungsebene, aber wie der Rest ist sie voller Dramatik, ideenreich und vielschichtig sowieso, mit Figuren und Figurendoubles, anspruchsvoll. Und Sternburg staunt: Vom Handlungsort Oberschlesien aus lässt sich auf die Welt blicken, auf deutsche Kolonialverbrechen in Afrika, russische Angriffslust und sogar in die Zukunft. Die registerreiche Übersetzung von Olaf Kühl ist für Sternburg überdies die "reine Freude".
Rezensionsnotiz zu
Die Welt, 04.07.2026
Aus dem neuen Roman von Szczepan Twardoch hätten auch drei werden können, findet Rezensent Marc Reichwein, denn jeder der drei Teile ist eine "Ode auf die magische Kraft des Erzählens". Es geht um Erwin Piontek, dessen Nachname auf polnisch Freitag bedeutet, er war früher Bergmann und fragt sich, ob er nicht doch besser Seemann geworden wäre - jetzt tuckert er mit seinem Boot auf dem lokalen Stausee im Kreis und wird gelegentlich von einem Riesen-Wels angeknabbert, amüsiert sich Reichwein. Der zweite Teil führt als Gedankenspiel des Erzählers in eine alternative Realität um 1900, in der Piontek tatsächlich Seefahrer geworden wäre und in den Aufstand der Herero und Nama gerät, erfahren wir. Daran schließt sich ein Ausblick in die Zukunft an, in dem Polen zum russischen Vasallenstaat wird. Twardochs metafiktionale Spielchen, in denen sich Erzähler und Protagonist kabbeln und der Autor sich selbst aufs Korn nimmt, bereiten dem Kritiker viel Freude. Ein wunderbarer Roman, dem ein schönerer Titel auch in der deutschen Übersetzung besser getan hätte, findet Reichwein.