9punkt - Die Debattenrundschau

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

So simpel wie radikal

21.09.2026. Ok, zumindest war's das für dieses Jahr mit historischen Wahlen. In Mecklenburg-Vorpommern sinkt die CDU erstmals in allen Landtagswahlen unter 5 Prozent. In Berlin könnte die Partei Die Linke nach 37 Jahren wieder das Ruder übernehmen. Die taz feiert mit, andere Stimmen sind distanzierter. Außerdem: Srebrenica war nur die letzte Episode einer genozidalen Kampagne, erinnert Hasan Nuhanović, Überlebender des Massakers, in der FR. Auch die NZZ kommt auf den serbischen Nationalismus zurück. KI-Warnungen haben weiterhin Hochkonjunktur.

Es wird zum Monster, wenn es regiert

19.09.2026. In einer Demokratie kann keine Wahl eine siegreiche Partei dazu autorisieren, die Grundsätze der Gleichachtung zu missachten, meint in der FR der Politologe Rainer Forst mit Blick auf die AfD. Ein AfD-Verbot würde wohl eine Staatskrise auslösen, warnt Heinrich August Winkler indes in der FAS. Im Guardian rät Timothy Garton Ash dazu, von Artikel 37 des Grundgesetzes Gebrauch zu machen. KI macht uns dümmer, glaubt der Medienphilosoph Roberto Simanowski ebenda. Pessimismus aber auch, sagt der Soziologe Aladin El-Mafaalani in der SZ. In der NZZ skizziert die Politikwissenschaftlerin Elham Manea das feministische Dilemma um das Kopftuch.

Das fordernde Tschilpen

18.09.2026. In der SZ stellen die Journalisten Shahrzad Osterer und Richard C. Schneider keine gute Prognose für die USA nach den Midterms und Israel nach den Wahlen. Analysen reichen nicht, wir brauchen Visionen: FAZ-Autor Simon Strauß schlägt ein neues "Fahnenwort" vor, um den Zwiespalt in Deutschland zu heilen. Die Welt fragt: Wie geht Labour mit Antisemitismus um in einem Land, wo zwanzig Prozent der Jugendlichen den 7. Oktober gerechtfertigt finden? Wer ist eigentlich "Campact", fragen die Ruhrbarone. Und jetzt haben sogar die Spatzen die Nase voll von Berlin, seufzt die FAZ.

Das ganze Land bebt

17.09.2026. "Russlandversteher! Ich verstehe euch nicht", ruft in der SZ der russisch-schweizerische Schriftsteller Alexander Estis. In FAZ und taz singen der Schweizer Historiker Thomas Maissen und der Ethnologe  Olaf Zenker je ein Liebeslied auf Deutschland und seine Demokratie. In der Welt fragt sich Güner Balci, welche Brücken die Spitzenkandidatin der Berliner Linken Elif Eralp in einer Hamas-freundlichen Moschee bauen will. In der Zeit erklärt Mouhanad Khorchide, warum er einen liberalen Islam lehrt - zur Not auch unter Polizeischutz. Die FAZ berichtet von einem bizarren Streit um das Kennedy-Center in Washington.

Dieses "Geht doch" geht kaum noch

16.09.2026. Das Angebot an Erklärungen für den Erfolg der AfD ist inzwischen unüberschaubar - die Zeitungen überbieten sich auch heute. Die prominentesten Deuter sind heute Gertrude Lübbe-Wolff, Elisa Hoven, Frauke Rostalski, Marco Vöhringer, Ines Hackethal, Deniz Yücel, Boris Palmer und Detlef Pollack. Außerdem: Putins Angriffe auf die EU und Deutschland haben eine neue Qualität, warnt die Zeit. Dort spricht auch Bill Gates über die Gefahren von KI. Kamel Daoud kommt in Le Point auf Zohran Mamdanis blumige Rhetorik beim Gedenken an den 11. September  zurück.

Und auf diese Weise Geborgenheit erfahren

15.09.2026. Alle fragen, wie der Erfolg der AfD zu erklären sei und wie man sie am besten bekämpft. Ganz einfach, sagt Carolin Amlinger in der taz, mit "antifaschistischer Politik", und natürlich indem man Wohnungen zum Zehnfachen des Preises zurückkauft, zu dem man sie einst verkauft hatte, ergänzt der Historiker Uwe Fuhrmann ebenfalls in der taz, und mit "mehr Teilhabe, keiner Kapitulation der Politik vor der Ökonomie", fordert Ingo Schulze in der NZZ. Außerdem: KI muss nicht das Ende der Demokratie bedeuten, erklärt Taiwans Ministerin für Digitales Audrey Tang in Zeit Online.

Ob ich einen kurzen Rock trage oder nicht

14.09.2026. Die FAZ beschreibt die Sorgen der Ukraine vor dem Winter - währenddessen fordern Trump und Kushner die Ukraine auf, endlich klein beizugeben. Im Freitag will Mithu Sanyal nicht kriegstüchtig werden. In Zeit online befürwortet der Religionspädagoge Mouhanad Khorchide das österreichische Kopftuchverbot an Schulen für Mädchen unter 14 Jahren. In der taz erklärt Güner Balci, warum sie sich von Linken total im Stich gelassen fühlt. In der FAZ ist sich Steffen Martus sicher: Der Literaturbetrieb hat keine Wahl außer Caroline

Abwehr des Eingefrorenen

12.09.2026. Der Schock von Sachsen-Anhalt sitzt tief: Der Historiker Volker Weiß weist in der FR auf eine Hauptinspirationsquelle Ulrich Siegmunds hin: Die FPÖ mit ihrem Vorbild Jörg Haider. Ines Geipel deckt in der SZ historische Besonderheiten Sachsen-Anhalts auf - aber auch das Selbstbild des Westens ist erschüttert. Außerdem: Wolfgang Kraushaar beleuchtet in der FR den Einfluss des KGB auf die RAF. Die Welt publiziert Briefe von Holocaust-Überlebenden, die direkt nach 1945 geschrieben wurden. Die taz fragt: Was verdanken die iranischen Frauen dem Mossad? In der SZ schreibt Güner Balci über Faten Ben Omar, eine der Toten von Ceuta.

Er hat richtig gut Deutsch gesprochen

11.09.2026. 25 Jahre 11. September. Die Zeitungen versuchen den epochalen Bruch zu fassen. Die Täter waren bourgeoise Dandys, "bis dahin hatte der Islamismus als Bewegung fanatischer Hinterwäldler gegolten", schreibt Andreas Kilb in der FAZ. Für die taz beginnt mit dem 11. September der "antimuslimische Rassismus". Der Kolonialismus selbst ist das Verbrechen, meint der irakische Autor Sinan Antoon in der FAZ. In der Welt erinnern Henryk Broder und Reinhard Mohr an die bodenlose Empathielosigkeit deutscher Intellektueller nach dem Anschlag. Man hätte die Terroristen mit sauberen Energien bekämpfen sollen, meint Timothy Snyder in der SZ. Die Täter waren Hamburger, so nochmals die FAZ.

Wohin mit dem Kulturgut

10.09.2026. Wahlen machen noch keine Demokratie, sind Aristoteles und der belgische Historiker David Van Reybrouck bei Zeit online überzeugt. Ist vielleicht der Säkularismus schuld am Wahlerfolg der AfD, überlegt in der taz der Theologe Christoph Maier. Putin wird demnächst seine Oligarchen anpumpen müssen, ist der Ökonom Marcus Keupp in der FR überzeugt, ob sie wollen oder nicht. KI hat ein mathematisches Millenium-Problem gelöst: mit etwas menschlicher Hilfe, berichten FAZ und SZ. Traumata pflegen heute vor allem die Eliten der oberen Mittelschicht, mokiert sich in der Zeit die Filmwissenschaftlerin Catherine Liu. Die SZ blickt fassungslos auf die Posting-Orgie, mit der Donald Trump die Grenzen anderer Länder umgestaltet.