9punkt - Die Debattenrundschau

Er hat richtig gut Deutsch gesprochen

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
11.09.2026. 25 Jahre 11. September. Die Zeitungen versuchen den epochalen Bruch zu fassen. Die Täter waren bourgeoise Dandys, "bis dahin hatte der Islamismus als Bewegung fanatischer Hinterwäldler gegolten", schreibt Andreas Kilb in der FAZ. Für die taz beginnt mit dem 11. September der "antimuslimische Rassismus". Der Kolonialismus selbst ist das Verbrechen, meint der irakische Autor Sinan Antoon in der FAZ. In der Welt erinnern Henryk Broder und Reinhard Mohr an die bodenlose Empathielosigkeit deutscher Intellektueller nach dem Anschlag. Man hätte die Terroristen mit sauberen Energien bekämpfen sollen, meint Timothy Snyder in der SZ. Die Täter waren Hamburger, so nochmals die FAZ.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 11.09.2026 finden Sie hier

Politik

Die taz bringt nochmal ein Dossier zum 11. September. Derya Türkmen erinnert sich, wie sie als Kind die Plattform der Twin Towers besuchte. Dann kam der Anschlag und änderte alles. Für die Opfer vielleicht auch, aber besonders für ihre Community: "Durch den 11. September war im Westen ein neues Feindbild entstanden: der islamistische Terrorist. Geprägt wurde es von einem Namen: Osama bin Laden. Der Anführer des für die Anschläge verantwortlichen Terrornetzwerks al-Qaida war mit seinem Bart und Turban in den Nachrichten allgegenwärtig. Seine Bilder prägten die Vorstellung davon, wie ein gefährlicher muslimischer Mann aussah. Und Murat Türkmen, mein Vater, passte nun ebenfalls in dieses Bild. Türkischer Pass. Schwarze Haare. Bart. Mit al-Qaida hatte er nichts zu tun. Wie religiös er war, interessierte in diesem Moment niemanden. In Deutschland wurde immer mehr über 'den Islam' gesprochen. Über Terrorismus, aber auch über Kopftücher." Auch Daniel Bax beklagt in der taz den "Generalverdacht", unter den Muslime seit dem 11. September gestellt würden. Maiyra Chaudhry prangert die "Welle an Rassismus" an, die bis heute spürbar sei. Karim El-Gawhary konstatiert, dass sich die arabische Welt kaum mehr für al-Qaida interessiere, dringlicher stelle sich die Palästinafrage. Sebastian Moll beklagt die in New York nach Nine-Eleven einsetzende "Turbo-Gentrifizierung". Mehr fällt der taz nicht ein.

In der Welt erinnern sich Henryk M. Broder und Reinhard Mohr, wie unmittelbar nach den Anschlägen eine Täter-Opfer-Umkehr stattfand. So beklagte der katholischen Moraltheologe Eugen Drewermann noch am selben Abend im Radio eine "Araberphobie in unserer Kultur": "Das war nicht nur die Ansicht eines verwirrten Moraltheologen, es war auch die Botschaft der Friedensbewegten, die in den folgenden Tagen gegen den amerikanischen Imperialismus überall in Deutschland mit der schlichten, aber ergreifenden Parole auf die Straße gingen: 'So was kommt von so was'", was sich auch zwei Tage später bei einer vom Senat veranstalteten Diskussion im Haus der Kulturen zeigte. Es wurde "ein öffentliches Gespräch, das sich vor allem durch seine Kaltschnäuzigkeit auszeichnete. Ein Kulturschaffender nach dem anderen ergriff das Wort, um die Politik der USA zu verurteilen, die in dem Desaster vom 11. September ihren vorläufigen Höhepunkt gefunden hatte. Es könnte noch schlimmer kommen, warnten sie, wenn die USA so weitermachten wie bisher. Keine Spur von Empathie für die Opfer des Anschlags, dafür jede Menge Selbstüberhebung und auch eine seltsame Neigung zum Gruseligen, wenn Kultursenatorin Goehler und Professor Benz über die 'phallische Symbolik der Türme' witzelten."

Es dauerte nicht lang, bis den Juden Schuld an Nine-Eleven gegeben wurde, erinnert Hannes Stein in der Jüdischen Allgemeinen: "Nach dem 11. September erschienen in Deutschland gleich drei Bestseller, in denen rabenschwarz auf blütenweiß zu lesen war, der Mossad habe die Anschläge auf das World Trade Center und das Pentagon eingefädelt."

Im Interview mit der SZ kritisiert die Extremismusexpertin Farah Pandith die "antimuslimische Rhetorik", die nach den Anschlägen in den USA eingesetzt habe, wie sie im Auftrag der Bush-Regierung herausfand: "Ich bemerkte, dass der 11. September einen enormen Einfluss auf sie hatte. Junge europäische Muslime waren verwirrt und unsicher bezüglich ihrer Identität. Sie wurden als 'die anderen' behandelt und hatten das Gefühl, nicht dazuzugehören. Die Mehrheitsgesellschaft vermittelte ihnen, dass sie beispielsweise nicht Belgier und Muslim sein könnten. Die 'Wir gegen die anderen'-Mentalität schürte Unsicherheit. Und böswillige Akteure haben ein leichtes Spiel, wenn sich jemand seiner Identität unsicher ist." Ob auch die Anschläge selbst zu einer Identitätskrise führten, sagt sie nicht.

Andreas Kilb schafft es in der FAZ immerhin, die Täter zu benennen: "Die Täter waren Islamisten, die im Auftrag eines saudi-arabischen Multimillionärs handelten. Bis dahin hatte der Islamismus als Bewegung fanatischer Hinterwäldler gegolten. Seit dem 11. September steht fest, dass er in die Elite der islamischen Gesellschaften eingedrungen ist. Die Männer, die die entführten Flugzeuge in die Türme und ins Pentagon steuerten, stammten aus dem Bürgertum des Nahen Ostens. Dreizehn Jahre später rekrutierte der Islamische Staat Tausende Kämpfer für sein unmenschliches Regime in den Ländern Westeuropas. Die islamistische Ideologie, über soziale Medien verbreitet, nistet im Herzen der westlichen Welt." Und in gewisser Hinsicht habern sie gesiegt, so Kilb, zumindest eines ihrer wichtigsten Ziele haben sie erreicht: "die Destabilisierung der globalen Ordnung, die sich nach dem Ende des Kalten Krieges herausbildete und in deren Zentrum die Vereinigten Staaten als Vormacht des Westens standen." Jürgen Kaube ergänzt mit einigen eher abstrakten Erwägungen, bemerkt aber auch, dass die "Feinderklärung, die der westlichen Lebensweise, Politik und Moral mittels eines blutigen Terrorakts entgegengeschleudert wurde, im öffentlichen Bewusstsein kaum mehr eine Rolle" spielt.

Für den von Lena Bopp für die FAZ befragten irakischen Schriftsteller Sinan Antoon ist dann schon wieder der Westen an allem schuld - der Terrorismus sei nur Reflex, etwa auf den Irak-Krieg. "Es war ein neokolonialer Krieg, der von den USA und Großbritannien geführt wurde. Der Kolonialismus selbst ist der Fehler, oder besser gesagt: das Verbrechen."

Im Interview mit der SZ sieht der Historiker Timothy Snyder die Reaktionen auf 9/11 vor allem als Folge verpasster Möglichkeiten: "Die Geschichte ist voller Terrorakte. Die eigentliche Frage, sagte ich den Studierenden an jenem Tag, ist, was als Nächstes geschieht: Man kann nicht jedes schreckliche Ereignis verhindern. Aber die Freiheit beginnt mit der Reaktion darauf. Traurigerweise haben wir Amerikaner genau so reagiert, wie es sich die Terroristen gewünscht hatten; ja, wir haben ihre Erwartungen vermutlich noch übertroffen und die Welt für uns selbst und für alle anderen zu einem schlechteren Ort gemacht. Die naheliegende Antwort auf den 11. September hätte darin bestanden, uns von den fossilen Brennstoffen zu befreien. Ohne unsere Abhängigkeit vom Öl wären wir schließlich nie in den Strudel des Nahen Ostens geraten. Hätten wir uns auf saubere Energiequellen konzentriert, hätten wir die globale Erwärmung eindämmen, weitere Kriege im Nahen Osten verhindern und den Aufstieg der von Kohlenwasserstoff getragenen Oligarchie des russischen Präsidenten Wladimir Putin verhindern können. Es kam anders."

Die von Kaube beschworene Feinderklärung kam aus Hamburg: "Hamburg war der Ort, an dem die Anschläge vorbereitet wurden. Den Moment, als mir das klar wurde, werde ich nie vergessen", sagt die Spiegel-Reporterin Cordula Meyer im Gespräch mit FAZ-Redakteurin Sandra Kegel. Meyer hat jahrelang zu den Attentätern recherchiert. Die Attentäter hatten an der Uni Hamburg-Harburg studiert, wo sie sehr beliebt waren: "Die Uni Hamburg-Harburg erklärte sofort, sie sei ein weltoffener Ort und das werde sie bleiben. Aber manchmal kam es mir so vor, als fühlten sie sich betrogen. Atta war ein guter, engagierter Student gewesen, auch andere hatten tatsächlich studiert und Prüfungen abgelegt. Sie galten als Aushängeschilder für eine gelungene Integration. Dass aus ihrer Mitte heraus so etwas geplant werden würde, das konnten sich die Leute an der Uni nicht vorstellen."

Und Majd El-Safadi hat ebenfalls für die FAZ den Stadtplaner Jörg Lewin getroffen, bei dem der Attentäter Atta als studentische Hilfskraft arbeitete: "Bei einem Auftrag für die Stadt Neuruppin nahm der Stadtplaner seine studentische Hilfskraft mit. Es ging um die Sanierung der Altstadt. Mohammed Atta sei stundenlang durch den Ort gelaufen, um seine Zeichnungen zu perfektionieren: 'Das hat er bis zur Bewusstlosigkeit gemacht', sagt Lewin am Telefon. Sie kamen in der Nähe unter, im Hotel Waldeck im Ort Dorf Zechlin, saßen auf der Terrasse, aßen und sprachen viel miteinander: 'Er hat richtig gut Deutsch gesprochen.'"

Der radikale Islamismus hat seinen Höhepunkt überschritten, ist der französische Politikwissenschaftler Olivier Roy im Interview mit der FR überzeugt. Auch wenn der "Krieg gegen den Terror" keine Gewinner hervorgebracht habe: "die Hauptverlierer sind die Dschihadisten und die Radikalen", meint er. Bei der dritten Generation habe der Dschihadismus denn auch deutlich an Attraktion verloren. Früher war er "ein attraktives Narrativ für Rebellen ohne eigentliches Anliegen: Man konnte sicher sein, Schlagzeilen zu machen und die 'Bourgeoisie' in Angst und Schrecken zu versetzen, wenn man dem IS die Treue schwor." Heute ziehe der Dschihad "vor allem junge Migranten mit prekärem Aufenthaltsstatus an, die weder Aufenthaltspapiere noch politisches Asyl erhalten haben. Sie sind die neuen Verlierer."

Im Interview mit Zeit online verteidigt Claus Kleber, damals ARD-Korrespondent in Washington, die Entscheidung, Bilder von dem Anschlag im Fernsehen zu zeigen: "Weil es nicht unser Beruf ist, die Wahrheit zu verbergen. Wir vermitteln Fakten. Wir waren uns im Studio aber schnell einig: Wir sind keine Marktschreier. Jede Verwendung dieser furchtbaren Bilder muss gut überlegt sein."
Archiv: Politik

Gesellschaft

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Vieles was uns heute beschäftigt, war schon in den Nuller Jahren angelegt, meint im Interview mit der NZZ Jens Balzer, der ein Buch über diese Zeit geschrieben hat: "Vieles in den Nullern wurde verdrängt. Irgendwie hat man verstanden, was für ein dramatischer Einschnitt die Anschläge vom 11. September waren, aber man hatte kein Bewusstsein dafür, wie sich das langfristig auswirken würde. Dass sich der fundamentalistische Islam zu einer solch dauerhaften Bedrohung der freien Welt auswachsen würde. Man hat auch unterschätzt, was es bedeutete, dass Wladimir Putin 2000 zum russischen Präsidenten gewählt wurde. Diese geopolitische Dimension hatten wir im Westen kaum im Blick. Und natürlich konnte man ebenso wenig die Rasanz der technischen Entwicklungen prophezeien."
Archiv: Gesellschaft

Geschichte

Nach Jahrzehnten der Verweigerung hat das Schweizerische Bundesarchiv Akten über Josef Mengele endlich freigegeben (unser Resümee) - aber nur zum Teil. So spät und dann auch noch unvollständig? In der NZZ ist Urs Hafner empört: "In seiner Medienmitteilung schreibt der Nachrichtendienst, er habe im Mengele-Dossier - so wenig wie möglich - geschwärzt, um 'Personendaten von früheren und heutigen Angestellten der Bundesverwaltung mit Bezug zum NDB und zu seinen Vorgängerorganisationen' zu schützen. Das klingt nach Respektierung der Privatsphäre und Achtung der Menschenwürde, doch faktisch zensuriert die Verwaltung historische Dokumente in ihrem Interesse: Das mögliche Fehlverhalten einstiger Mitglieder soll im Dunkeln bleiben. Dabei sind öffentliche Archive ja geradezu dafür eingerichtet worden, damit Bürger und Historikerinnen das Handeln früherer Amtspersonen überprüfen können. Das unterscheidet den liberalen Rechtsstaat vom Ancien Régime und von Regimen wie der DDR oder den USA unter Trump, der die Archive unter seine Kontrolle bringen will."
Archiv: Geschichte
Stichwörter: Mengele, Josef

Europa

Es mag ja Gründe geben, die AfD oder Teile der AfD zu verbieten, konzediert Reinhard Müller im Leitartikel der FAZ. Diskutiert wird darüber ja schon länger. "Angesichts der schon zusammengetragenen Datenmengen fragt es sich zunächst: Was ist jetzt eigentlich neu? Neu ist, dass die AfD einen großen Wahlerfolg errungen hat. Das aber ist nun gerade kein Verbotsgrund. Es ist auch kein Persilschein. Aber wem nach einem klaren Wahlsieg nicht mehr einfällt, als wieder ein Verbotsverfahren ins Spiel zu bringen, der bringt Wählerverachtung zum Ausdruck - und muss sich nach seinem Demokratieverständnis fragen lassen."

Rechte Populisten haben überall in Europa schon gewonnen und dann wieder verloren, erinnert  Hubert Wetzel in der SZ und leitet daraus eine These ab: "Vielleicht ist es so, dass viele Wählerinnen und Wähler einzelnen Punkten im politischen Programm der Rechtspopulisten durchaus zustimmen, aber vom Gesamtpaket auf Dauer eher wenig halten, weil es überwiegend eben doch aus falscher Nostalgie, Angeberei, Korruption, Lügen und Chaos besteht; dass die Menschen zwar bei manchen Themen eine rechtere Politik von ihren Regierenden sehen wollen, aber nicht unbedingt von Rechtspopulisten regiert werden möchten, weil kompetentes Regieren nicht deren Stärke ist. Das ist ein wichtiger Unterschied. Aber es ist für etablierte Parteien oft schwierig, das zuzugeben. Sie müssten dann eingestehen, zu lange an einer Mehrheit der Wähler vorbei Politik gemacht zu haben."
Archiv: Europa

Digitalisierung


Gerade hat Jacob Coxon, Mitarbeiter in der KI-Firma Anthropic, gekündigt und in einem Twitter-Post gewarnt, KI sei auf dem Wege eine "Superintelligenz" zu entwickeln, die die Menschheit auszulöschen drohe. Piotr Heller mag das in der FAZ nicht glauben. "Von hinten angefangen: Aus übermenschlicher Intelligenz folgt nicht automatisch Unbesiegbarkeit. KI braucht Strom, Rechenzentren, Netzwerke. Diese Ressourcen müsste sie kontrollieren, zudem weitere Mittel für einen hypothetischen Angriff. Intelligenz verhilft ihr zu einer besseren Planung, aber schon Mike Tyson wusste: 'Jeder hat einen Plan, bis er einen Schlag ins Gesicht bekommt.'"

In der SZ rätselt Philipp Bovermann über das "P(doom)-Bingow", das KI-Forscher derzeit spielen, ohne ihre Aktivitäten auf dem Feld zu zügeln: "Von der Sorge um langfristige Risiken ausgehen, aber unter der Voraussetzung ihrer vermeintlichen Kalkulierbarkeit - das erklärt das Paradox, dass gerade Anthropic, wo man besonders deutlich vor einer möglichen Katastrophe warnt, so sehr aufs Gaspedal drückt. Es erklärt, warum so viele führende KI-Forscher mit Horrorszenarien rechnen und trotzdem weitermachen. Was in eine Gleichung passt, ist nicht außer Kontrolle, so geht diese Logik - und es gibt nichts, was nicht in eine Gleichung passt. Das ist die Philosophie von Nerds, die sich für mindestens ein bisschen genial halten, vielleicht wegen ihrer astronomischen Gehälter, vielleicht auch, weil sie zwischen den Konsequenzen ihrer Handlungen und sich selbst stets einen Computerbildschirm haben. Es ist die Philosophie von Zockern."
Archiv: Digitalisierung
Stichwörter: Künstliche Intelligenz