9punkt - Die Debattenrundschau

Ob ich einen kurzen Rock trage oder nicht

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
14.09.2026. Die FAZ beschreibt die Sorgen der Ukraine vor dem Winter - währenddessen fordern Trump und Kushner die Ukraine auf, endlich klein beizugeben. Im Freitag will Mithu Sanyal nicht kriegstüchtig werden. In Zeit online befürwortet der Religionspädagoge Mouhanad Khorchide das österreichische Kopftuchverbot an Schulen für Mädchen unter 14 Jahren. In der taz erklärt Güner Balci, warum sie sich von Linken total im Stich gelassen fühlt. In der FAZ ist sich Steffen Martus sicher: Der Literaturbetrieb hat keine Wahl außer Caroline
Efeu - Die Kulturrundschau vom 14.09.2026 finden Sie hier

Europa

Die Ukrainer machen sich Sorgen vor dem Winter, schreibt Stefan Locke in der FAZ unter Bezug auf Äußerungen von Serhij Korezkyj, dem Ministerpräsidenten der Ukraine. "Außer Tankstellen bombardiert Russland weiterhin Kraft- und Umspannwerke, Wasserversorger sowie seit Kurzem auch Großlager für Lebensmittel sowie Einkaufszentren. Einige Logistikfirmen hätten bereits die Hälfte ihrer Lagerkapazität verloren, so Korezkyj... Auch wenn in diesen Tagen spätsommerliches Wetter in der Ukraine herrscht, ist der Winter nicht mehr weit. Und über diesen macht sich in der Ukraine kaum jemand Illusionen: Er droht noch härter zu werden als der vorherige, in dem Hunderttausende teils über Monate in dunklen und kalten Wohnungen ausharren mussten."

Donald Trump sieht das Problem unterdessen bei der Ukraine. "He has to stop to knock out Diesel Fuel", sagte er am Rande eines Golfturniers in Irland, während sein Unterhändler Jared Kushner in einem ebenfalls in den sozialen Medien kursierenden Video darüber nachdenkt, wie man Putin helfen kann, seine Ziele zu erreichen.


Ebenfalls auf Twitter kursiert ein Interviewausschnitt mit Alice Weidel über ihre ukrainepolistischen Vorschläge - geäußert hat sie das in einem rechtsextremen Kanal:


Zugleich fordert die BSW-Politikerin Sevim Dagdelen den Austritt Deutschlands aus der Nato - stattdessen will sie eine Annäherung Deutschlands an die Länder der "Brics"-Gruppe (zu der Iran, Russland und China gehören)- Peter Ansmann berichtet für die Ruhrbarone.

Anne Applebaum antwortet auf Trump und Kushner:


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Mithu Sanyal gesteht unterdessen im Gespräch mit dem Freitag, dass ihr die Idee, Deutschland solle "kriegstüchtig" werden, nicht behagt  - aber käme dies nicht einer Forderung nach rechtzeitiger Kapitulation gleich? "Wenn es wirklich zu einem heißen Krieg mit Russland kommen sollte, dann nützen uns die Bunker und die gebunkerten Nudelpakete auch nicht viel, weil Deutschland in allen Szenarien, die die NATO bisher durchgespielt hat, nahezu komplett vernichtet würde. Darüber müssten wir doch sprechen, wenn wir über Kriegstüchtigkeit reden! Aber auch, wenn diese Maßnahmen nicht schützen, machen sie trotzdem etwas mit uns: Sie machen uns Angst. Und ängstliche Menschen sind empfänglicher für die Sicherheitsdebatten, die wir derzeit führen."

Seit dieser Woche dürfen muslimische Mädchen unter 14 Jahren an Österreichs Schulen kein Kopftuch mehr tragen. Verstöße werden mit einer Geldstrafe geahndet. Das ist nicht schön, aber wohl doch hilfreich, meint im Interview mit Zeit online der Religionspädagoge Mouhanad Khorchide. "Ich bin kein Fan von Verboten. Aber es ist schon so, dass man dadurch wahrscheinlich sehr viele Mädchen davor schützen wird, gegen ihren Willen ein Kopftuch zu tragen. Die Behörden gehen nach Hochrechnungen von 12.000 aus." Der Koran biete jedenfalls keine Rechtfertigung für das Kopftuch Minderjähriger, es widerspreche vielmehr den "islamischen Prinzipien mündiger Religiosität". Der Druck gerade auf Kinder, das Kopftuch anzulegen, sei dennoch sehr groß. Und für 18-Jährige sei es später fast unmöglich, es wieder abzulegen, erklärt Khorchide: "Die Community würde es dann als eine Distanzierung von Frömmigkeit verstehen, als hätte sie ein Problem mit dem Islam insgesamt. Viele konservative Familien würden das als ein Zeichen moralischen Verfalls bewerten. Deshalb ist es so wichtig, das frühe, unreflektierte Tragen zu verhindern."

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In einem sehr langen Interview mit der taz Futurzwei nimmt eine furiose Güner Balcı, Journalistin und Integrationsbeauftragte in Neukölln, das Patriarchat aufs Korn und eine Linke, die beim muslimischen Partriachat plötzlich klein bei gibt: "Breite Teile säkularer Migranten fühlen sich von denen komplett im Stich gelassen. Eigentlich alle Menschen, die sich zu diesem Thema aktiv einbringen und selbst Migrationsgeschichte haben, die wirklich einfordern, dass wir da weiterkommen, damit es den Kindern irgendwann besser geht. ... Ich musste sagen: Pass mal auf, das ist meine Grenze, du hast die mehrfach überschritten, jetzt kriegst du eine aufs Maul. Es war existenziell für mich als Frau, dass ich entscheiden durfte, ob ich einen Freund habe oder nicht, ob ich einen kurzen Rock trage oder nicht; das hat mich immer Körpereinsatz gekostet. Und dann habe ich heute hochrangige Grüne-, Linke- und SPD-Politikerinnen, die in eine Moscheegemeinde gehen und Typen umarmen, die kleine Mädchen sexualisieren.... Mein Argument ist immer, ihr konntet in eurem ganzen Leben rumvögeln, wie ihr Bock hattet. Und was mit den anderen ist, interessiert euch nicht. Das sind nämlich gar nicht eure Menschen. Die sind euch nämlich fucking egal. Das sind so eklatante Menschenrechtsverletzungen, da können die auch nicht mit dem Argument kommen, dass die Rechten das benutzen. Das ist mir zu billig."

Worin liegen die Gründe für die Erfolg der AfD, fragt Oliver Weber im Aufmacher des FAZ-Feuilletons. Die Frage ist nicht ganz neu, gibt er zu - nur lasse sich bisher nicht behaupten, dass es eine wirklich überzeugende Erklärung gebe. Woher "diese seltsame Kluft zwischen Krisenrhetorik und Krisendeutung?" Erklären kann er es nicht, auch die Rechtsextremen selbst liefern bisher keine plausible Selbsterklärung. Nur eines ist klar: "Wenn es stimmt, dass es sich bei dem Aufstieg des Rechtspopulismus um mehr handelt als eine irrationale Stimmung oder eine monothematische Beschwerde, wenn sich dahinter tatsächlich ein Strukturproblem von historischer Tragweite verbirgt, wird sich in den nächsten Jahren alles daran entscheiden, ob das politische System in der Lage ist, eine handlungsleitende Theorie dessen zu entwickeln, was der verworrenen Unzufriedenheit wirklich zugrunde liegt." Ebenfalls in der FAZ fällt Stefan Rebenich auf, dass deutsche Parteien kaum noch einen qualitätsvollen Umgang mit der Geschichte pflegen: "Politik wird betrieben, ohne dass Geschichte noch zum Instrumentarium des politischen Urteils gehört."

In der Welt beklagt Thomas Schmid die "dröge Routine", mit der Politiker und Journalisten auf den Wahlsieg der AfD reagieren. Und warum soll bitte Friedrich Merz am Wahlerfolg der AfD Schuld haben und nicht ihre Wähler? "Der Wähler hat auf den Tisch gehauen, um von Zumutungen verschont zu werden. Er ist am Stillstand ebenso schuld wie die sich selbst blockierende Bundesregierung. Ist das illegitime Wählerbeschimpfung? Wohl kaum. Der Wähler kann wählen, was und wen er will. Er steht damit aber nicht unter Naturschutz. Der König der Disruption, Donald Trump, hat gerade versprochen, im Falle eines Wahlsiegs der Republikaner bei den Midterm-Wahlen im November jedem US-Bürger eine "Trump-Dividende" von 5.000 Dollar zukommen zu lassen. Einfach so. Diese Art des Wählerkaufs und der unverblümten Bestechung steht in diametralem Widerspruch zu der Politik von Friedrich Merz, der zu Recht auf jegliche Heilsversprechen verzichtet. Und er tut es auch dann, wenn es ihm schadet. Das könnte man an ihm eigentlich schätzen."

In der NZZ berichtet Beat Stauffer über marokkanische Blogger, die versuchen, den Ansturm der Flüchtlinge in Ceuta "mit politischen und religiösen Argumenten zu legitimieren" und nennt als Beispiel den Influencer Abderrahim X. Der berichtet auf Youtube über die schreckliche Lage der "Harraga" genannten Flüchtlinge. "Er weist aber auch darauf hin, dass die 'Harraga' nach Ceuta in 'ein besetztes marokkanisches Territorium' geflohen seien. In einer nächsten Sequenz stimmen die sechs jungen Männer die Nationalhymne an und lassen den marokkanischen König Mohammed VI. hochleben. Sie seien aufgrund schlechter wirtschaftlicher Verhältnisse geflohen, hassten aber ihr Land keineswegs und seien 'keine Verräter'. Eine ähnliche Botschaft vermitteln die vielen Posts eines anderen Influencers namens Otman Hana. Er versteht sie als 'Aufruf an junge Marokkaner, die Stadt Ceuta zu befreien und in einem ersten Schritt überall Zelte aufzustellen'."
Archiv: Europa

Ideen

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Donald Trump wird die Midterms verlieren, da ist sich die amerikanische Politologin Laura Field, die mit "Furious Minds - The Making of the Maga New Right" 2025 ein Buch über die Maga-Bewegung geschrieben hat, im Interview mit Zeit online ziemlich sicher. Aber für die Demokraten könnte das langfristig ein Problem sein, weil ihre Bereitschaft, sich mit ihren Mängeln auseinanderzusetzen, noch geringer wird: "Mainstream-Politiker wie auch ihre Wähler haben den Liberalismus so lange für selbstverständlich gehalten, dass sie nicht mehr in der Lage sind, ihn zu artikulieren oder gar zu verteidigen. Die Linke muss ihre eigenen Prinzipien neu durchdringen." Das Problem, mit dem sich der Liberalismus auseinandersetzen müsste, beschreibt sie so: "Die Verfassungen moderner, liberaler Demokratien sind als Reaktion auf religiösen Fanatismus entstanden. Die Idee war, nicht auf die eine Lebensweise, das eine Tugendideal zu bestehen, und dadurch stabile gesellschaftliche Verhältnisse zu erwirken - Leo Strauss nennt diesen Ansatz 'ein niedriges, aber tragfähiges Fundament'. Dadurch ist die Trennung von Kirche und Staat entstanden, die Universitäten haben ihre Funktion als Orte moralischer Bildung eingebüßt, und die Politik hat sich aus dem Glauben der Leute herauszuhalten. Nur gibt dieser Liberalismus nun eben auch gar nichts mehr vor, der Pluralismus ist das Programm, und dadurch entsteht ein moralisches Vakuum."
Archiv: Ideen
Stichwörter: Field, Laura, Liberalismus

Kulturmarkt

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Der Literaturhistoriker Steffen Martus ("Erzählte Welt") versucht in einem Essay für die FAZ dem Wandel im Betrieb auf die Spur zu kommen. Zwei Phänomene beschäftigen ihn dabei, der Umzug des S. Fischer Verlags nach Berlin und der Erfolg Caroline Wahls. Seine Beschreibung des Wandels reicht aber kaum über das übliche hinaus - wir haben es mit Kommerzialisierung und Verflachung zu tun, wie er an der Rezeption des neuesten Wahl-Romans erkennt: "Die Zeitungsbeiträge zum neuen Roman sind auffällig häufig keine klassischen Rezensionen. Stattdessen gibt es viele Interviews, Podcasts mit der Autorin, Texte über die Begegnung mit ihr oder zumindest Artikel, die der Person und deren Meinungen erheblichen Platz einräumen. Ein erheblicher Teil der Literaturkritik geht also nicht auf Distanz, bemüht sich weniger um Abstand und darum, Sachlichkeit zu signalisieren. Stattdessen sucht die Presse die Nähe zur Autorin - oder vielleicht besser: zu literarischer Celebrity und Personality."
Archiv: Kulturmarkt
Stichwörter: Martus, Steffen

Gesellschaft

Frauen, die weibliche Beschneidung erlitten haben - Fachbegriff "Female Genital Mutilation/Cutting" (FGM/C) - können beim Gebären Probleme haben, sagt die Hebammenwissenschaftlerin Mechthild Groß im Interview mit Mara Schaaf von der taz. Auf die Frage, wie massiv das Problem in Deutschland ist, antwortet sie: "Das hängt sehr vom Standort ab. In einer Großstadt kann das einmal im Monat vorkommen. In Orten mit spezialisierten Frauenhäusern können sich Betroffene treffen und austauschen. Dort kommt dies häufiger vor. Aber auch in ländlichen Gebieten können Hebammen Betroffene betreuen. Gerade hier müssen die Hebammen genau wissen, was zu tun ist. Denn in Deutschland leben laut Zahlen von Terre des Femmes von 2020 schätzungsweise 75.000 von FGM/C betroffene Frauen und 20.000 gefährdete Mädchen. Allein in Niedersachsen waren es 2022 laut einer Hochrechnung 8.168 betroffene Frauen und 1.200 gefährdete Mädchen."
Archiv: Gesellschaft
Stichwörter: Genitalverstümmelung

Digitalisierung

Ausgerechnet die Chefs der größten amerikanischen KI-Konzerne haben jetzt gefordert, die Geschwindigkeit der KI-Entwicklung zu drosseln. Das findet nicht jeder überzeugend, berichtet Philipp Bovermann in der SZ: "Der Tech-Investor David Sacks wandte sich am Sonntag direkt an die KI-Chefs: 'Ich sehe nicht, was ihr in euren Laboren seht', schrieb er. Er nehme das ernst, wenn sie sich Sorgen machten. Nur sollten sie, fuhr er fort, nicht so tun, als hielte jemand sie davon ab, die Entwicklung zu pausieren. Die Unternehmen hätten ein geschäftliches Interesse daran, nicht haftbar für mögliche Schäden gemacht zu werden, die ihre Modelle anrichten. Der einfachste Weg, die Risiken durch eine künstliche Superintelligenz zu begrenzen, sei der, sie ganz einfach nicht zu entwickeln. 'Ein euch genehmes Regulierungssystem als Preis dafür zu fordern, wird wie eine Erpressung der Öffentlichkeit und des politischen Systems wirken.' Er unterstütze die Pläne, das Tempo zu drosseln. 'Macht es einfach.'"

Auch Lisa Hegemann sieht in Zeit online einige Widersprüche in dem Wunsch, die KI-Entwicklung von einer NGO überprüfen zu lassen, wie es Anthropic-CEO Amodei fordert: "Der Anthropic-Chef nennt als Beispiel für solche externen Aufpasser konkret die Nichtregierungsorganisation METR. Doch die Organisation ist von einer Frau gegründet worden, die früher für OpenAI und Googles DeepMind arbeitete. Nicht alle halten die NGO deshalb für unabhängig. Die KI-Ethikerin Timnit Gebru verglich diese Art der Kontrolle mit einer Strategie, die auch die Tabakbranche eingesetzt hätte: Die Unternehmen und Milliardäre finanzierten Institutionen und zitierten deren Einschätzungen dann, als seien es unabhängige Experten, schrieb sie auf der Plattform X. Das METR-Institut bewirbt auf seiner Website seine Partnerschaften mit Anthropic, OpenAI und Google, betont aber, kein Geld von Angestellten der KI-Firmen anzunehmen."
Archiv: Digitalisierung

Geschichte

In der NZZ erinnert der Historiker Ekkehard Kraft daran, dass es Sklaverei auf der ganzen Welt lange vor dem westlichen Kolonialismus gab: "So kannte man sie auch auf der Arabischen Halbinsel schon vor der Entstehung des Islams im 7. Jahrhundert. Während der raschen Expansion strömte eine große Zahl Kriegsgefangener als Sklaven in das neu entstandene Großreich." Die meisten kamen übrigens aus Osteuropa. "Griechisch 'sklavos' beziehungsweise lateinisch 'sclavus' bezeichnete ursprünglich als Volksname die Slawen, bevor das Wort einen Bedeutungswandel durchmachte, der von den meisten europäischen Sprachen übernommen wurde. Selbst im Arabischen bezeichnete 'saqaliba' nicht nur - bis heute - die Slawen als Volksgruppe, sondern diente auch als Synonym für Sklaven. Der Sklavenhandel mit Osteuropäern lag anfangs in der Hand von Wikingern, später dann von Genuesen und Venezianern. Seit dem Ende des 15. Jahrhunderts führte das Khanat der Krimtataren, ein Vasallenstaat des Osmanischen Reichs, im Durchschnitt fast alle zehn Jahre große Menschenjagden und Plünderungszüge in den angrenzenden Gebieten durch, die bis weit in die heutige Ukraine und nach Polen führten. Bis zu zweieinhalb Millionen Osteuropäer wurden auf diese Weise vom Ende des 15. bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts in den muslimischen Raum verschleppt."
Archiv: Geschichte