Die nahe Zukunft: Therapie, Strafvollzug und Optimierungswahn sind im Zeitalter künstlicher Intelligenz ununterscheidbar geworden. "Der neunte Kreis" ist eine Geschichte über eingepflanzte Erinnerungen, artifizielle Kunst, verschwimmende Grenzen der Urheberschaft und die Täuschbarkeit menschlicher Wahrnehmung. Nachdem Ond an einem experimentellen Resozialisierungsprogramm teilgenommen hat, um einer Gefängnisstrafe zu entgehen, beginnt ihre Wahrnehmung der Welt zu zerfallen. Gemeinsam mit einem Freund gerät sie in ein Labyrinth aus grotesken Prüfungen, die an Dantes Höllenkreise erinnern, sieht sich mit datenverschlingenden Maschinen und kannibalistischer Kunst konfrontiert. Ein Text wird gestohlen und bei einem Wettbewerb als der eigene ausgegeben, eine Tech-Firma will künstliche Literatur auf den Markt bringen und als unmoralisch gebrandmarkte Bürger verschwinden in Umerziehungslagern...
Sophie Steins Roman behandelt ein ziemlich aktuelles Thema, so Rezensent Michael Schmitt, denn er spielt in einer nahen Zukunft, in der die KI und der Transhumanismus noch näher an den Menschen dran sind als heute schon, in denen die Frage, was alles gedacht und möglich gemacht werden kann, mehr Drohung als Versprechen ist. In neun Kapiteln werden Steins Figuren in den "Kreislauf von Leben und Digitalität" eingespeist, Ond und Vasu zum Beispiel arbeiten in einem Labor, das KI-Literatur herstellt, lesen wir. Vasu aber kündigt bald, um ein künstlerisches Programm zu verfolgen, das den Kritiker an Oulipo erinnert und weg will von der "erzwungenen Kreativität" des Digitalen. Dadurch werden interessante Debatten angeregt um die Frage, was Originalität ist und wie sehr ein Mensch so bleiben muss, wie er ist, um als original er selbst zu gelten, so Schmitt. Die Autorin wirft mit Science Fiction, Schockeffekten und streckenweiser Satire zwar etwas viel durcheinander, stellt aber dennoch wichtige Fragen, meint er. Für ihn hat sich die Lektüre gelohnt.
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