Fünf Jahre lang war Peter Haffner als Grenzgänger zwischen Zittau im Dreiländereck und Swinemünde an der Ostsee unterwegs. Einen deutschen Journalisten, der sich auf ein solches Abenteuer eingelassen hätte, kann man mit der Lupe suchen. Vielleicht kann nur ein Schweizer Autor, der sich frei von politischen Erblasten und unberührt von ost-west-deutschen Familienkrächen auf den Weg macht, diese europäische Verwerfungszone unbefangen erforschen. Es ist höchste Zeit für ein solches Unternehmen.In ein paar Jahren soll Polen der Europäischen Union beitreten. Niemand ist auf den Fall der Trennlinie wirklich vorbereitet. Wer kennt schon eine deutsche Geisterstadt wie Guben oder die polnische Boomtown Slubice, eine "Weltstadt en miniature"? Wer ist, wie Peter Haffner, den Veteranen und den Rowdys, den Schatzsuchern und den Wisent-Züchtern auf beiden Seiten begegnet, wer kennt die Gräber und die Gefängnisse, die wimmelnden Basare und die einsamen Weiler an Oder und Neiße?
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 30.11.2002
Das deutsch-polnische Grenzgebiet mit Orten wie Görlitz, Niesky, Gubin, Lubniewice und Rzystnowo bietet ein scharfes Kontrastprogramm zu den vorfabrizierten Erlebniswelten der Touristenhochburgen. Davon zeugen nach Ansicht von Rezensent Ulrich M. Schmid die Reisereportagen Peter Haffners über diese Region. Da es keine Sehenswürdigkeiten zu besichtigen gebe, werde der Reisende selbst zur Sensation im träge dahinfließenden Alltag einer Gegend, die in Polen wie in Deutschland gleichermaßen als tiefe Provinz gelte. Haffner gelingt es zur Freude des Rezensenten, seine Gesprächspartner - naive DDR-Nostalgiker, Nazi-begeisterte Kriegsveteranen, betrunkene Arbeitslose, ernüchterte polnische Studenten - zum Erzählen zu bringen. Keine Problem, über diese Region ein deprimiertes Buch zu schreiben! Doch das hat Haffner zur Freude des Rezensenten nicht getan. Was nicht zuletzt am "trockenen Humor" des Autors liegt, für Schmid das "Markenzeichen" Haffners. Er hebt hervor, dass Haffners Texte dabei nie arrogant wirken. Im Gegenteil: für Schmid sind sie von einer "tiefen Sympathie für jene Menschen" getragen, "die eine Reise an die Oder-Neiße-Grenze zu einer Lektion in europäischer Kulturgeschichte werden lassen".
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