Aus dem Französischen von Lilian Pithan. Ein Jahrhundert Geschichte aus Sicht eines Gemäldes. Alles beginnt 1919 in einem Wald am Rande von Berlin: Otto Mueller malt "Zwei weibliche Halbakte". Von Hand zu Hand weitergereicht, wird das Gemälde zum Zeugen des Aufstiegs und der Machtübernahme der Nationalsozialisten, von staatlichem Antisemitismus und der nationalsozialistischen Diffamierung moderner Kunst als "entartet", von Verfemung, Verzweiflung, Krieg - und vom Überleben.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 21.05.2025
Es ist für Rezensent Christian Gasser keine Überraschung, dass diese Graphic Novel des französischen Comiczeichner Luz beim Festival von Angoulême als Comic des Jahres ausgezeichnet wurde. Luz erzählt darin die Geschichte des von Otto Mueller gemalten,expressionistischen Bildes "Zwei weibliche Halbakte", und zwar, und das findet Gasser "brillant", aus der Sicht des Gemäldes selbst. Das führt dazu, dass der Leser sich selbst viele Querverbindungen und Kontexte erschließen muss, erklärt der Kritiker, was zu einer tiefergehenden Auseinandersetzung mit den Ereignissen führt. Mueller malt das Bild, das eigentlich ein Selbstporträt ist, im Jahr 1916. Zehn Jahre steht es in seinem Atelier, erzählt der Kritiker, bis er es dem jüdischen Kunsthändler Littmann verkaufen kann. Der nimmt sich später, bedrängt und verfolgt durch die Nazis, das Leben - das Bild landet in der berüchtigten Ausstellung für "entartete Kunst". "Grandios" findet der Rezensent, wie es dem Künstler gelingt, gerade diese Schlüsselszene der Ausstellung mit reduzierten Mitteln darzustellen, pöbelnde Nazis neben Kunstliebhabern darzustellen und damit den moralischen und intellektuellen Verfall einer Gesellschaft zu zeichnen. An Muellers Bild kristallisieren sich historische Schlüsselmomente des Zwanzigsten Jahrhunderts,beleuchtet aus einer originellen Perspektive, die obendrein eine Reflexion auf die Rolle der Kunst in der Gesellschaft ist. Gasser kann nur nachrdrücklich zur Lektüre raten.
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