Aus dem Italienischen von Monika Lustig. Mit einem Nachwort von Fabio Stassi. Rom 1978. Die Entführung Aldo Moros durch die Brigate Rosse und seine Ermordung nach 55 Tagen im "Volksgefängnis", aus dem er als Vorsitzender der Democrazia Cristiana wie als Familienvater Briefe schreibend um sein Leben kämpft, sind für Sciascia schmerzlicher Anlass, dem Palazzo, den Allermächtigsten im Staat, den Prozess zu machen, im Gedenken an den Freund Pier Paolo Pasolini. So schlussfolgert er: Zum Tod war Moro verurteilt von seinen christdemokratischen Freunden mit ihrer harten, heuchlerischen Nichtverhandlungslinie, die Medien als willige Erfüllungsgehilfen. Moros ideologisch verirrte Kerkermeister waren der ausführende Arm. Sciascia, auf Borges gestützt, erkennt: Das Buch über Moros zeitlose Tragödie der Macht war bereits geschrieben, als sich das Verbrechen ereignete.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.04.2023
Rezensent Andreas Rossmann wühlt die Lektüre von Leonardo Sciascias Buch über den Fall Aldo Moro auch 45 Jahre nach der Erstveröffentlichung noch auf. Moros Ermordung durch die Roten Brigaden 1978 beleuchtet der Autor laut Rossmann wie ein Kriminologe. Dass Sciascia auch seinen Priandello und seinen Borges kennt und mit gespitzter Feder an die Interpretation des Falles und der folgenden politischen und gesellschaftlichen Diskurse geht, macht den Text für Rossmann umso lesenswerter. Eine erstaunliche Mischung aus genauer Recherche, Lektüre und Sprachkritik, meint Rossmann begeistert.
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