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09.09.2026. AfD-Wähler sind Faschisten, dröhnt die taz. Oder zumindest Rechtsextremisten, meint die SZ. Solche Vorwürfe machen sie gewiss nicht empfänglich für Rückholangebote, warnt der Politologe Christian Stecker bei Zeit online. Gut wäre auch eine Zukunftsvision, die nicht apokalyptisch ist, überlegt der Soziologe Hartmut Rosa in der SZ. Andere Themen: Anlässlich des Kopftuchverbots für unter 14-Jährige in Österreich erklärt der islamkritische Autor Murat Kayman, warum viele Muslime am Kopftuch ihrer Töchter hängen. Anlässlich des Jahrestags von 9/11 kritisiert Art Spiegelman im Tagesspiegel die USA.
Dass die Wähler der AfD doch nicht durchweg Rechtsextreme seien, will taz-Kolumnist Robert Misik nicht gelten lassen: "Wer im vollen Bewusstsein eine faschistische Partei wählt, ist ein Faschist", dekretiert er. Ganz allein haben es diese Faschisten dann aber doch nicht geschafft: "Mit der Botschaft der Angst und dem Schüren der Lust an der Grausamkeit werden die Menschen allmählich in andere verwandelt. Empathie wird ausgeschaltet, Sadismus gesteigert, und bei allen anderen wird ein Prozess der Gewöhnung verstärkt. Der Prozess der Faschisierung ist ohne diese Massenpsychologie nicht zu verstehen, zumal die Anhängerschaft nicht einfach 'verführt' ist, sondern mit ihrem hoch affektiven Mittun sich wechselseitig auch noch radikalisiert."
Auch Sonja Zekri will in der SZ die AfD-Wähler nicht so einfach vom Haken lassen: "Wie viel leichter erträglich wäre es, wenn man die ungeheure Aggression ihres Votums paternalistisch niedertätscheln könnte. Unmöglich können sie alle rechtsextrem und rassistisch sein. Bestimmt lassen sie sich mit ein wenig Zuwendung, niedrigen Spritpreisen und einer schönen Geschichte vom Abgrund des Autoritarismus zurückreißen. Man kann das so beschönigen. Wer aber an dieser Stelle dann doch einen Blick in die deutsche Geschichte werfen möchte, der mag sich dieser sanften Exkulpierung nicht ohne Weiteres anschließen. Denn es mag durchaus sein, dass die AfD-Wähler nicht wissen, was im AfD-Programm steht, nur enthebt sie das nicht der politischen Verantwortung. ... Wer die AfD wählt, das zeigen Studien, tut dies nicht, obwohl sie rechtsextremistisch ist, sondern weil sie es ist. Und dafür wird er sich eines Tages verantworten."
Peter Unfried sieht es in einem zweiten Essay in der taz anders. Warum wählen Arbeiter AfD? "Weil die AfD und andere rechtspopulistische Parteien zunehmend linke Verteilungspolitik und rechte Gesellschaftspolitik propagieren, also nationalsoziale Politik. Es gibt linkspopulistische Parteien, die es genauso machen, etwa das BSW und auch Mélenchons Partei La France insoumise. Und es gibt eine Sozialdemokratie in Dänemark, die damit Wahlen gewonnen hat. Die entscheidende Trennlinie in den Gesellschaften ist nicht 'links' oder 'rechts', sondern die Aufteilung in echte oder gefühlte Verlierer und Gewinner der Liberalisierungen der vergangenen Jahrzehnte."
"Man wird sich künftig mit bestimmten Positionen [der AfD] auseinandersetzen und sie zunächst als legitime Positionen anerkennen müssen", meint auch der PolitologeChristian Stecker im Interview mit Zeit online und setzt gleich noch einen drauf: die Stigmatisierung der Partei war eine Sackgasse. "Es war eine Ersatzhandlung, diese Partei immer pauschal auf rechtsextreme Menschenfeindlichkeit zu reduzieren, statt sich mit den Positionen auseinanderzusetzen, die in der Partei tatsächlich mehrheitsfähig sind. So hätte man innerhalb der AfD die Verbündeten gestärkt, die ein Interesse an einer demokratischen Auseinandersetzung und nicht an der Durchsetzung von rechtsextremem Gedankengut haben. Stattdessen hat man die Wagenburg-Mentalität gefördert. Der zweite Fehler ist das, was der FAZ-Journalist Justus Bender so schön gesagt hat: 'Was man zur AfD sagt, das sagt man auch zu ihren Wählern.' Wenn man also die AfD immer schlagwortartig als rechtsextrem und menschenfeindlich bezeichnet, dann kriminalisiert man damit auch die Wähler und macht sie gerade nicht empfänglich für Rückholangebote der etablierten Parteien."
Ähnlich sieht es im Interview mit der SZ der Soziologe Hartmut Rosa, der mit Blick auf die Ostdeutschen feststellt: "Es ist diese Wahrnehmung: Von außen greift eine staatliche Autorität in die Schutzhüllen ein, und wenn du anderer Meinung bist, oder auch nur Angst hast, wirst du als Undemokrat, gar als Nazi dargestellt." Das kann nicht funktionieren, meint Rosa und räumt auch gleich mit der Vorstellung auf, die AfD-Wähler seien alles arme Abgehängte: "Wichtig für Wahlentscheidungen ist nicht unbedingt die Frage: 'Wo stehe ich?', sondern: 'Wohin gehe ich?' Wir haben eine moralische Landkarte, ein Gefühl dafür, wohin wir uns gesellschaftlich bewegen. Das ist mir ultrawichtig: Menschen fühlen sich nicht gut, wenn sie oben stehen, sondern wenn sie sich nach oben bewegen." So wie früher die SPD-Wähler. "Das ist das Entscheidende! Das, was heute das Gefühl der AfD-Wähler ausmacht, ist: Wir haben noch (!) ziemlich viel, wir arbeiten hart, aber den Kindern wird es schlechter gehen. Wir gehen den Bach runter. Das Problem der SPD oder aller linken Parteien ist, dass der Zukunftssinn völlig erloschen ist. Wir haben offenbar nur noch die Wahl zwischen Apokalypsen."
Etwas mehr Engagement wäre gut, empfiehlt im Interview mit dem Tagesspiegel die Politikwissenschaftlerin Ursula Münch - vor allem CDU-Abgeordneten, die "in ihrem Status quo bequem geworden" sind: "Sie überlassen die Marktplätze der AfD, haben aufgehört, sich den Bürgern und ihrem Ärger zu stellen. Diesen Befund höre ich von vielen Abgeordneten, natürlich vor allem als Kritik an ihren Kollegen." Überleben kann die Union ihrer Meinung nach nur, wenn sie - in Teilen - die Brandmauer aufgibt, denn die "bewirkt das Gegenteil von dem, was sie soll. Denn sie zwingt eben die CDU dazu, sich in lagerübergreifenden Koalitionen zu verbiegen, und veranlasst immer mehr Wähler dazu, AfD zu wählen, um sie in eine Alleinregierung zu bringen oder den Druck auf die Union zu erhöhen. ... Gerade weil die Brandmauer offenbar nicht wirkt, kann man, zumindest auf kommunaler Ebene, dann gemeinsame Abstimmungen mit der AfD zulassen, wenn es um Sachfragen geht, die keine Andockstellen für extremistische Ideen bieten. Eine Regierungskoalition mit der AfD aber wäre der Untergang der CDU."
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In Berlin werden der Linken Chancen gegeben, als führende Partei aus den Wahlen am 20. September hervorzugehen - die Linkspartei liegt zur Zeit mehr oder weniger gleichauf mit der CDU. Aber viele sollen lieber doch nicht regieren, notiert Timm Kühn in der taz. Denn Berlin steckt in argen Schwierigkeiten: "Bereits der schwarz-rote Haushalt weist für 2027 ein Defizit von bis zu 6 Milliarden Euro auf, das noch über Rücklagen und Kredite ausgeglichen werden kann. Spätestens ab 2028 aber müsste sich eine linke Regierung mit einem Haushaltsloch auseinandersetzen, das nicht mehr so einfach zu stopfen ist. Damit droht ausgerechnet die Linke zur Kürzungspartei zu werden."
In der Welt kaut Ahmad Mansour noch an dem "Diskussionsabend" neulich in der Dar-Assalam-Moschee in Neukölln. "Dort saßen Berliner Spitzenpolitiker von SPD, Grünen und Linken beisammen, nur wenige Wochen nach dem islamistischen Anschlag auf den Christopher Street Day in Berlin. Diese Moschee wurde über Jahre vom Verfassungsschutz beobachtet, bot islamistischen Akteuren immer wieder eine Bühne, wurde auffällig durch das Verwenden von Symbolen aus dem Umfeld der radikalen Muslimbruderschaft. Jeder konnte das wissen. Erst recht Moscheegäste der drei Parteien. ... Berlins linke Spitzenkandidatin, die Regierende Bürgermeisterin werden möchte, versuchte, sich herauszureden. Sie wolle über muslimisches Leben sprechen können, ohne über religiösen Extremismus zu reden. Wie bitte? Ausgerechnet hier, unter den radikalen Muslimen, will Elif Eralp einfach freundlich ein bisschen plaudern? Der Satz ist keine Entgleisung, nein, er ist Teil des politischen Programms. Dieses Programm will Israelfeindlichkeit, Judenhass, Antisemitismus und Antizionismus kleinreden - und Islamismus eine Chance geben."
In Berlin hat es ein gigantisches Datenleck in zwei Senatsverwaltungen gegeben. Angerichtet hat es eine kriminelle Hackergruppe namens Rhysida mit erpresserischer Absicht. Der Cybersicherheits-Fachmann Michael Waidner will das Versagen im Gespräch mit Alexander Armbruster nicht allein auf die Failed City Berlin schieben. Das gleiche könnte auch auf Bundesebene passieren, meint er. "Kein einziges Ministerium erfüllt nach unseren Messungen durchgehend die Empfehlungen des Bundesamts für Sicherheit in der Informationstechnik für Websicherheit (BSI), fast ein Drittel der Zertifikate ist abgelaufen oder fehlerhaft. Die Ursachen sind strukturell. Beschafft wird dezentral. Das Vergaberecht belohnt in der Praxis den günstigsten Anbieter, nicht den sichersten. Projekte werden finanziert, der Betrieb danach nicht. Und eine Legislaturperiode ist für einen IT-Umbau schlicht zu kurz. Wenn also 'grob fahrlässig' der Vorwurf ist, würde ich ergänzen: Es ist eine grobe Fahrlässigkeit, die im föderalen System praktisch angelegt ist und nicht allein an handelnden Personen in Berlin hängt."
In Österreich ist das muslimische Kopftuch an Schulen für Mädchen unter 14 Jahren verboten worden (unser Resümee) - es ist ein mildes Verbot: Ein erster Schritt bei Zuwiderhandlung sieht voraus, dass die Schule das Gespräch mit den Eltern sucht. Das Verbot sorgt dennoch für Empörung. Der islamkritische Autor Murat Kayman erläutert in einem interessanten Essay auf seinem Blog, wie das Kopftuch bei Mädchen innerhalb der muslimischen Gemeinden gelesen wird - die religiöse Frage überdeckt sich dabei mit der gesellschaftlichen: "In den muslimischen Gemeinschaften stellen wir die Frage nach der Frömmigkeit einer Familie so gut wie nie explizit. Wir sehen hin. Wir registrieren, welche Töchter in diesem Sommer angefangen haben, ein Kopftuch zu tragen, wir erkundigen uns bei der Mutter mit einer Beiläufigkeit, die in unseren Gemeinden jeder zu lesen weiß, wir loben die Elfjährige vor den Augen ihrer Cousinen für einen Schritt, den wir Reife nennen. Wir nennen den ganzen Vorgang anschließend in den öffentlichen Debatten 'eine persönliche Entscheidung des Kindes'. Der Druck, den wir dabei ausüben, kommt ohne einen einzigen Befehl aus. Er arbeitet mit Sichtbarkeit. Töchter sind das sichtbarste Merkmal einer Familie, weil ihr Kopftuch das einzige ist, das sich von außen auf einen Blick ablesen lässt. Die Frömmigkeit des Vaters bleibt weitestgehend eine Behauptung. Das Tuch der Tochter ist der alltägliche Beweis. Die Vehemenz, mit der das Kinderkopftuch verteidigt wird, hat ihre Ursache nicht im großen Respekt vor der Entscheidung eines Kindes, sondern in der symbolischen Aussagekraft, die das Tuch über die religiöse Haltung der Eltern nach außen ausstrahlt."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Justus Bender malt sich in seinem Buch "Deutschland 2033" eine Bundesrepublik unter einer Kanzlerin Alice Weidel aus. In dem Szenario geht Jens Spahn eine Rechtsaußen-Koalition ein, verlässt sie wieder, Hans-Georg Maaßen stellt Journalisten kalt und so weiter. Alan Posener liest das Buch für die Salonkolumnisten mit Interesse, stößt aber auf ein Detail, das ihn doch sehr stört, nämlich den Satz: "Die AfD bedroht Millionen von Menschen mit dem Entzug der Staatsbürgerschaft... Sie plant die 'Reconquista', wie Rechtsextreme das jahrelang genannt haben in Anlehnung an die Vertreibung von Muslimen in Spanien im 8. Jahrhundert." Kann man die "mühsame Zurückeroberung der iberischen Halbinsel" einfach so abtun, fragt sich Posener. Wie sähe eine Welt ohne "Reconquista" aus? "Columbus segelt 1492 nach Amerika, dem Jahr der Vollendung der Reconquista. Hätten muslimische Abenteurer den Weg gewagt? Vermutlich nicht. Also auch keine USA. Und: keine Reformation. Kein Luther, der der 25 Jahre nach Columbus dem Papst die Gefolgschaft aufkündigt, denn vermutlich: kein Papst. Keine Revolution des Individualismus, kein 'Geist des Protestantismus', der nach Max Weber so entscheidend war für die Entwicklung des Kapitalismus als Wirtschaftsform. Keine industrielle Revolution: denn die Dampfmaschine hätte tausend Jahre früher erfunden werden können - oder eben gar nicht."
Der ComiczeichnerArt Spiegelman ("Maus") lebte in der Nähe der Türme und hat den 11. September hautnah miterlebt. Er hat auch eine Graphic Novel zu dem Ereignis gemacht. Statt Gedenkreden hätte er übermorgen lieber eine lange Schweigeminute, gibt er im Interview mit Lars von Törne und Norbert Thomma vom Tagesspiegel zu. Über die "irren Vollidioten", die die Tausenden New Yorker umgebracht haben, sagt er kaum etwas. Seine Empörung gilt der amerikanischen Reaktion. Auf die Bemerkung des Interviewers, Intellektuelle wie Francis Fukuyama und Samuel P. Huntington hätten Bushs Politik doch unterstützt, antwortet er: "Halt! Das sind doch alles Arschlöcher! Diese Leute marschieren, wenn die Regierung ruft: Marsch! Es gab keine allgemeine Willensäußerung der Intellektuellen. Die Regierung sah das Bild abgeschnittener, kastrierter Türme und reagierte mit Macho-Gehabe."
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