Efeu - Die Kulturrundschau
Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
06.08.2026. In Salzburg knien die Theaterkritiker nieder, wenn Dirigent Maxime Pascal die rauschhafte Emotionalität von Messiaens "Saint Francois d'Assise" erklingen lässt. In der FAZ sehnt sich der Regisseur Christoph Hochhäusler nach einer europäischen Öffentlichkeit des Kinos. Die Welt blickt in München überwältigt auf monumentale Papierarbeiten von Dana Schutz. Die taz lernt in Heidelberg von Andrea Pichl, was DDR-Lauben, NS-Behelfsheime und Baumarktgartenhäuschen gemein haben.
05.08.2026. Die Welt erlebt bei Eun-Me Ahns in Wien aufgeführtem Tanzstück "Post-Orientalist Express" Kolonialismuskritik als psychedelischen Fiebertraum. Die Gen Z geht plötzlich wieder ins Kino, staunt die SZ angesichts der Kassenerfolge von "Die Odyssee" und "Spider-Man: Brand New Day". Wim Wenders' "Falsche Bewegung" ist ohne die Nacktszene mit Nastassja Kinski nicht mehr derselbe Film, befindet die FAZ. Die ergötzt sich außerdem in einer Aschaffenburger Ausstellung an einem Gemälde von Christian Schad, das einen erstaunlich androgynen Alain Delon zeigt.
04.08.2026. Die SZ ist in München regelrecht hypnotisiert von Tord Gustavsens und Trygve Seims spirituellem Jazz. Die Kritiker lassen sich von Ersan Mondtags Salzburger Inszenierung der Strauss-Oper "Ariadne auf Naxos" auf den Mars verfrachten - und sind reichlich verwirrt. Der Filmdienst unterhält sich mit Sandra Wollner über ihr eigenwilliges Trauerdrama "Everytime". Der Tagesspiegel erzählt aus dem Leben der "Frauenmalerin", Designerin und Bühnenbildnerin Marie Laurencin.
03.08.2026. Der KI-"Ring" kann die Wagnerianer nicht überzeugen, vom Publikum gibt's Buh-Rufe, von den Kritikern Ideen, wie sich eine KI sinnvoller einsetzen ließe. Wim Wenders hat die Nacktszene mit Nastassja Kinski nun aus dem Film geschnitten, besser spät als nie, finden alle. Der Tagesspiegel bestaunt die gegenständlichen Pop-Art-Gemälde von Edward Dwurnik in Warschau. Die Literaturkritiker trauern um Monika Helfer. Der Standard geht in Kyjiwer und Charkiwer Clubs tanzen.
01.08.2026. Bruder Röhm? Frank Castorf bewundert in der Welt die radikale Selbstinfragestellung Klaus Manns, dessen "Mephisto" er am BE inszeniert. Die SZ lässt ihre Vorstellungskraft schweifen in einer Wiener Ausstellung über die Anfänge der Reisefotografie. In der FAS erinnert der Historiker Stephan Malinowski daran, wie sehr Gillo Pontecorvos Film "Schlacht um Algier" vor sechzig Jahren die westliche Sehnsucht nach revolutionären Großnarrativen bediente. Die Welt lernt in einer New Yorker Ausstellung über Edward Saids These vom Orientalismus, welch ein Segen kulturelle Aneignung für die Kunst ist. Der Riesendrache war doch ganz hübsch, meint die SZ, halb ausgesöhnt mit der KI im Bayreuther "Siegfried".
31.07.2026. Als Intendant geschasst, als Pianist umjubelt: Markus Hinterhäuser gab in Salzburg zusammen mit dem Bariton Matthias Goerne Schuberts "Winterrreise" und nicht nur die SZ hörte den "Wunsch, das Dröhnen der Welt auszublenden". In Salzburg brilliert Christian Thielemann mit einem synästhetischen "Siegfried" auf Weltniveau, freut sich die nachtkritik. Die taz lässt sich in Mönchengladbach von dem Bildhauer Grant Mooney erklären, wie Material gesellschaftlich mit Wert aufgeladen wird. Und der Guardian schreibt den Nachruf auf den Plastinator Gunther von Hagens.
30.07.2026. Die taz lernt bei den diesjährigen "Rencontres de la photographie" in Arles, was "Hydrofeminismus" ist. Die Zeit erfährt von Christine Burgartz, wie die letzten Jahre der Schriftstellerin Brigitte Reimann verliefen. Der FAZ ist das von Gustavo Dudamel dirigierte Mahler-Konzert bei den Salzburger Festspielen geradezu zu perfekt. Außerdem besucht die FAZ Juli Zeh auf dem Lande.
29.07.2026. Festspiele-Fieber in den Feuilletons: Peter Handkes "Schnee von gestern, Schnee von morgen" wird in Salzburg uraufgeführt und stößt auf verzückte Reaktionen. Die FAZ verliert sich gern in Handkes uferlosem Text, der Zeit ist die Inszenierung ein wenig zu erwartbar. In Bayreuth hingegen laufen die Kritiker gegen einen "Rheingold" Sturm, dessen Bühnenbild KI-generiert ist: Die SZ vermisst im Bilderreigen jeglichen Zusammenhang, der Zeit gefällt immerhin die Musik. In der Jungle World glaubt die Schriftstellerin Kathrin Röggla nicht, dass irgendjemand KI-Texte lesen will.
28.07.2026. In Bayreuth war zum ersten Mal Wagners Jugendwerk "Rienzi" zu sehen, die Kritiker sind geteilter Meinung: Die SZ verfällt in einen regelrechten "Begeisterungsrausch" ob der Gegenwärtigkeit der Inszenierung, FAZ und FR meinen: das hätte man in der Schublade lassen können. Der rumänische Schriftsteller und Holocaust-Überlebende Norman Manea hat seinen Vorlass der Berliner Akademie der Künste überlassen: ein bedeutendes Zeichen, kommentiert die NZZ. Jungle World erzählt uns die Geschichte des Math-Rock.
27.07.2026. Michel Friedman hält seine Rede in Bayreuth, vielleicht markiert sie einen Wendepunkt in der Festspielgeschichte und ihrer Aufarbeitung, hoffen die Kritiker. Charlie XCX huldigt auf ihrem Album dem Minimalismus der Rockmusik, verkündet der Standard. Die SZ ärgert sich über Rockstar-Rentner. Wie schön, dass Bruno Tauts Waldsiedlung Zehlendorf nun auch endlich Weltkulturerbe ist, freut sich die FAZ, die taz ist eher skeptisch. Lee Millers Fotografien zwingen die NZZ in Paris zum genauen Betrachten.