9punkt - Die Debattenrundschau

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Die schrecklichen Bilder, die Panik

14.07.2026. Die Jüdische Allgemeine zitiert Bernard-Henri Lévy: Die fehlende Unterstützung für Israel wird als Schande in die Geschichte eingehen. In der FR bleibt Eva von Redecker dabei: Es droht Faschismus, und man kann sich nicht "Antifaschist" nennen, wenn man nicht Demos gegen Israel unterstützt. Was soll der Westen tun? Letztlich wird er Putin den Sieg gewähren, prognostiziert Viktor Jerofejew in der FAZ und scheint das ganz ok zu finden. Wie umgehen mit Traumata - fragen sich Deutsche fünf Jahre nach der Ahrtalflut und Franzosen zehn Jahre nach dem Attentat von Nizza.

Keine beliebige Partei

13.07.2026. In der taz wehrt sich die aserbeidschanische Autorin Nika Musavi gegen eine erzwungene Dekolonialisierung ihrer russischen Muttersprache. In der FAZ bedauert Jan Philipp Reemtsma die Denkfaulheit seiner Kritiker. In der NZZ erklärt der Essayist Hussein Aboubakr Mansour, warum Konservative und Liberale mehr gemeinsam haben, als sie denken. Bei Zeit online unterstützt die Philosophie-Professorin Rahel Jaeggi die Enteignung von Immobilien, die sie nicht als Umverteilung betrachtet, sondern als Transformation von Eigentum.

Braucht es wieder mehr Militanz?

11.07.2026. In der SZ warnt Anne Applebaum: Wenn es den Republikanern gelingt, bei den Zwischenwahlen zu manipulieren - dann war's das mit den freien Wahlen in den USA. Viele in Deutschland (und ganz besonders die taz) sind stolz und gerührt, dass sich sich als "Antifaschisten" den "Faschisten" entgegenstellen. Aber im Perlentaucher und in der Welt gibt es Zweifel an diesem idyllischen Selbstbild. Bei den Grünen haben einige Männer eigenmächtig angefangen, über Männlichkeitsbilder zu diskutieren - die Partei ist laut FAS entsetzt. Das "Problem Deutschland" ist zurück, fürchtet die NZZ - und es stärkt die Rechtspopulisten in Frankreich und Polen.

Multikulturelle Erfahrung mit sich selbst

10.07.2026. In der FR spricht Harald Jähner über die Geschichte der Vertriebenen - sie wurden gehasst, aber sie waren auch Agenten der Modernisierung. Die NZZ betrachtet die Radikalisierung der Demokratischen Partei in den USA mit Sorge. Sorge auch bei der SZ - über die alarmierenden Zahlen des Börsenvereins zum Buchmarkt. Und über den Deutschlandfunk.

36 Prozent der Stimmabsichten

09.07.2026. Marine Le Pen ist  zwar in zweiter Instanz verurteilt, aber sie darf kandidieren - und sie hat wohl die größten Aussichten, Frankreichs nächste Präsidentin zu werden, fürchtet Le Point. Die FAZ hofft dagegen, dass ihr die Wähler ihre finanziellen Mauscheleien nicht verzeihen. Die Fußball-WM ist mehr oder weniger eine französische Angelegenheit, konstatiert die taz: 99 der nominierten Spieler sind auf französischem Boden geboren, auch wenn sie für Algerien, Haiti, die DR Kongo und Senegal spielen. Im philomag skizziert der palästinensische Aktivist Hamza Howidy einen künftigen Frieden. Die SZ beschreibt die gefährlichen Umtriebe des Rechtspopulismus in Polen.

Kollaps der Perspektiven

08.07.2026. Die FAZ warnt die Ukraine und Polen: Ihr geschichtspolitischer Streit nützt nur Putin. So leicht sind die USA nicht auf Linie, auch nicht auf eine faschistische, zu bringen, meint in der FR der Amerikanist Philipp Gassert, in Deutschland wäre das einfacher. Zeit online ahnt, dass der Tod Ali Khameneis, der jetzt zum Märtyrer gekürt wurde, für die technokratischen Kader der iranischen Revolutionsgarde ein Segen war. Die SZ warnt vor einer Gamifizierung des Drohnenkriegs. Die NZZ erinnert an die Grande Dame der Sterbeforschung, Elisabeth Kübler-Ross, die heute hundert geworden wäre.

Äh, ich hab meinen Papa mit Erdogan verglichen

07.07.2026. Die taz hat eine kleine, aber nicht unwichtige Beobachtung gemacht: In Russland spricht man nicht mehr von "Spezialoperation", sondern von "Krieg". Die FAZ erzählt unterdessen, wie erfolgreich die Ukraine etwa auf der Krim kämpft. Jürgen Kaube in der FAZ und Thomas Schmid in der Welt wenden sich gegen die "Faschismus"-Vokabel, die den Blick auf die AfD eher versperre als schärfe. In der sudanesischen Frontstadt El Obeid droht ein Blutbad, warnt die taz. Die SZ erzählt, wie die Maga-Bewegung die amerikanische Geschichte vom Thema der Sklaverei reinigen will.

Ambivalenzen sichtbar machen

06.07.2026. Die Skepsis gegenüber Trumps Amerika wächst: Hält das System der Checks and Balances noch? Selbst einigen Gerichtsurteilen, die das zu belegen scheinen, traut die SZ nicht. In der FAZ befürchtet der Ökonom Adam Posen einen Niedergang der USA durch Trumps offene Korruption. Der Parteitag der AfD belegte eine weitere Radikalisierung - die Zeitungen fragen, wie die Partei das mit ihrer angeblichen Koalitionsfähigkeit in Einklang bringen will. In der FAZ schreibt der einstige SPD-Politiker Michael Roth über die Krise des Bundestags.

Liebe, Einheit, Respekt?

04.07.2026. Die USA feiern heute 250 Jahre Unabhängigkeit, doch gute Stimmung will nicht so richtig aufkommen: Die FAZ erinnert daran, dass die amerikanische Verfassung schon von Beginn an das Potenzial zur "Selbstzerstörung" in sich trug. Auch der Historiker Joseph J. Ellis sieht in der FR viele heutige Probleme schon damals angelegt, zum Beispiel den Rassismus. Der Journalist Andrej Zacharow erklärt in der FAS, warum der russische Staat bald in eine "Cyberpunk-Dystopie" abstürzen könnte. Das russische Staatswesen beruht auf einer Fake-Identität, schreibt derweil der Politologe Andrew Chakhoyan in der NZZ

Irgendetwas wird nachgeben

03.07.2026. Die Bundesregierung will das Informationsfreiheitsgesetz quasi abschaffen - in der taz protestiert Arne Semsrott von "fragdenstaat.de". Netzpolitik schließt sich an. In Zeit online prangert der Politiologe Markus Linden eine neue Querfront gegen die Vergangenheitsbewältigung an. In der FR erklärt Nancy Fraser, wie sie eine "explizit antineoliberale Linke formulieren und den Kreislauf Biden-Trump durchbrechen" will.