Magazinrundschau
Zwischen einem Petaflop und einem Exaflop
Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
01.09.2026. Newlines begibt sich in gut belüfteten unterirdischen Kammern auf die Suche nach den geheimen Goldvorräten des Islamischen Staates. Außerdem erzählt New Lines die grausame Geschichte der Unterdrückung der Jesiden. Der New Yorker besucht Susan Te Kahurangi King, Neuseelands berühmteste Künstlerin, die sich durch Zeichnungen von Menschen mit Schweinegesichtern ausdrückt. Novaja Gazeta Europe berichtet von russischen Familien, die die falschen Leichen ihrer im Krieg gestorbenen Söhne zugeschickt bekamen. Modisch ist, wer den besten Fake besitzt, lernt der Dlf. Und Eurozine lernt, wie aufwändig es wird, dass vollständige menschliche Konnektom zu kartieren.
New Lines Magazine (USA), 31.08.2026
Ali Al Ibrahim, Ahmad Haj Hamdo, Mohammad Al-Skaff und Zaid Mastou machen sich auf die Suche nach den geheimen Goldvorräten des Islamischen Staats: Sie stellen die Ergebnisse in einer großen gemeinsamen Reportage der Plattform Syrian Investigative Reporting for Accountability Journalism (SIRAJ) und New Lines vor, die ergab, dass der Islamische Staat vor seinem Zusammenbruch im Jahr 2019 Dutzende Millionen von Dollar in gut belüfteten unterirdischen Kammern in den von ihm besetzten kurdischen und syrischen Gebieten vergrub: "Bislang wurden mindestens 47 Millionen Dollar in bar und Gold von den Streitkräften der irakischen Zentralregierung, den kurdisch geführten Syrischen Demokratischen Kräften (SDF) und einer internationalen Koalition sichergestellt." Der "Reichtum der Gruppe stammt aus den Jahren ihres Aufstiegs, als sie zwischen 2014 und 2017 weite Gebiete in Syrien und im Irak kontrollierte. Im Juni 2014 eroberte die Gruppe Mossul und beschlagnahmte Hunderte Millionen Dollar in bar und Gold, die in Banken und staatlichen Institutionen lagerten. Sie übernahm außerdem Ölfelder, Minen, Fabriken und Ackerland und baute Netzwerke auf, um Öl, Metalle und Antiquitäten auf dem Schwarzmarkt zu verkaufen. Innerhalb weniger Jahre und dank dieser vielfältigen Einnahmequellen war die Gruppe zu einer der reichsten bewaffneten Organisationen der Welt geworden; einige Studien beziffern ihr Vermögen und ihre Besitztümer im Jahr 2015 auf rund 6 Milliarden Dollar." Das "versteckte Gold und Bargeld sind für den IS weiterhin überlebenswichtig. Wie die Untersuchung ergab, werden diese Vermögenswerte genutzt, um den IS durch den Kauf von Waffen und den Aufbau von Netzwerken von Kämpfern und Verbündeten vor Ort wiederaufzubauen - Bemühungen, die bereits andauern", lesen wir: "Das gefundene Geld und Gold reicht aus, um die Gehälter von rund 10.000 Kämpfern für ein ganzes Jahr zu bezahlen, basierend auf Schätzungen der Gehälter der Gruppe auf dem Höhepunkt ihrer Aktivität. Die verifizierte Summe übertrifft frühere internationale Schätzungen darüber, was der IS nach seinem Zusammenbruch möglicherweise in seinen Kassen behalten hat. Im August 2024 veröffentlichte das Combating Terrorism Center in West Point eine Studie, die schätzte, dass der Islamische Staat nach dem Fall seines Kalifats noch über Finanzreserven zwischen 10 und 30 Millionen US-Dollar verfügte."Nach Jahren der politischen Verfolgung kehren jesidische Familien in die Afrin-Berge im Norden Syriens zurück, berichtet Hanna Davis. Afrin hatte historisch gesehen die größte jesidische Bevölkerung in Syrien, vor 2011 lebten dort rund 60.000 Jesiden, so Davis. Viele von ihnen flohen, als die Türkei 2018 in die Region einmarschierte und suchten Schutz im Nordosten Syriens unter der kurdisch geführten Regierung. Die Geschichte der Unterdrückung des jesidischen Volkes ist lang und grausam, ganze 74 Völkermorde soll es gegeben haben, wie Davis von Suleiman Jafar, Mitglied der Jesidischen Union in Syrien, erfährt: "Die jüngste Fatwa gegen Jesiden wurde 2014 vom Islamischen Staat (IS) erlassen, der mindestens 3.000 Jesiden tötete und mehr als 7.000 weitere versklavte, vergewaltigte und zwangskonvertierte. Die gewaltsamsten Kampagnen gegen die Jesiden fanden laut Jafar unter dem Osmanischen Reich statt. Eine der schwerwiegendsten Fatwas (religiösen Erlasse) gegen Jesiden wurde von Abu Su'ud al-Imadi, dem osmanischen Obermufti des 16. Jahrhunderts, erlassen. Er erklärte die Jesiden zu den 'Ur-Ungläubigen' und ihre Tötung zu einer religiösen Pflicht. Noch heute, so Jafar, essen die Bewohner des nahegelegenen arabischen Dorfes Burj Haidar nicht das Essen, das für Jesiden zubereitet wird, die in der osmanischen Propaganda als Ungläubige gebrandmarkt wurden." Die "Unterdrückung habe die jesidische Bevölkerung dramatisch dezimiert, sagt Jafar - von etwa 57 jesidischen Dörfern in den 1930er Jahren auf rund 22 heute." Bis jetzt gab es unter dem neuen syrischen Präsidenten Ahmad al-Sharaa noch keine Gewalt gegenüber der jesidischen Bevölkerung, "in Afrin, fügt Jafar hinzu, herrsche nun mehr Religionsfreiheit als zuvor. Dennoch sei er den konservativen islamischen Wurzeln der Regierung gegenüber skeptisch, betonte er, die Jesiden müssen vorsichtig sein."
Guardian (UK), 31.08.2026

James Crawford begutachtet in Norwegen das Mjøstårnet, ein 84 Meter hohes Hochhaus, das fast komplett aus Holz errichtet wurde und damit das höchste seiner Art ist. Holz, erfährt Crawford von Rune Abrahamsen, einem Ingenieur, der am Bau des Gebäudes mitwirkte, gehört im Baugewerbe die Zukunft, da Zementbau zu den schlimmsten Klimakillern gehört. Holz dagegen bindet auch in verbauter Form noch CO2 und wächst außerdem nach. Freilich gibt es beim Bau größerer Gebäude mit Holz einige Besonderheiten zu beachten: "Holzgebäude sind, wie Rune erklärte, im Vergleich zu Konstruktionen aus Beton und Stahl sehr leicht. 'Und man darf nicht vergessen, dass Gebäude vertikale Kragträger sind. Wenn also oben der Wind weht, verstärken sich die Kräfte, sodass weiter oben horizontale Beschleunigungen entstehen.' ... Strukturell könne das Holz diese Kräfte problemlos aushalten - aber für die Menschen, die sich tatsächlich in den oberen Stockwerken aufhielten, könne das anders aussehen. Um das Schwanken zu dämpfen und die Gefahr von 'Seekrankheit' zu beseitigen, mussten sie das Gebäude beschweren. Schließlich entschieden sie sich dafür, auf den Geschossdecken der oberen Stockwerke Betonschichten aufzubringen. Das war nur ein Bruchteil dessen, was die meisten Hochhäuser an Beton verwenden würden, und entsprach dem Minimum, das erforderlich war, um 'Komfort'-Standards zu erfüllen. Aber der Beton war dennoch nötig. Für die Konstruktion des Gebäudes selbst verwendeten sie eine neuartige und unerprobte Montagetechnik. Die Hunderte von Brettschichtholzbalken, -stützen und -bindern, aus denen die Tragkonstruktion bestand, wurden in einer nahe gelegenen Fabrik mit millimetergenauer Präzision bearbeitet und geformt und anschließend einzeln zur Baustelle transportiert - ohne sie vorher probeweise zusammenzufügen. Im Grunde war Mjøstårnet also ein Hochhaus als Bausatz: Sein einfaches Holzskelett wuchs Stück für Stück und Stockwerk für Stockwerk rasch in die Höhe - mit einer Geschwindigkeit von fast einem Stockwerk pro Woche."
New Statesman (UK), 01.09.2026
Der Sommer 2026, der heißeste Sommer, den Großbritannien je erlebt hat, ist der Sommer, in dem die Optimierungskultur starb, glaubt Elle Jones mit Blick auf aktuelle Social-Media-Hypes: "Wir können vielleicht nicht genau bestimmen, wo die Optimierungskultur ihren Ursprung hat, aber inzwischen sind wir davon überzeugt, dass sie zu weit gegangen ist. Hinter der Ablehnung der Optimierung steht die Erkenntnis, einen Punkt erreicht zu haben, an dem der Nutzen immer geringer wird. Wir können keine weiteren Regeln, keine weiteren Eingriffe mehr ertragen, und der Sommer bringt sinnliche Sehnsüchte nach Wein und Rosen mit sich, die sich nur eine gewisse Zeit lang durch Arbeit und teure Fitnessstudio-Mitgliedschaften unterdrücken lassen. Irgendwo in unserem kollektiven Bewusstsein steckt die Erkenntnis, dass Schönheit, Freundschaft und Anziehung im grundlegenden Sinne - also genau das, was tatsächlich die Belohnungen hervorbringt, die uns gehackter Salat und Proteinmaximierung versprechen - auf dem Zeigen von Menschlichkeit beruhen. Menschlichkeit ist warmblütig; sie steckt in den Fettzellen, im Pfirsichflaum, in den schiefen Zähnen und den klebrigen Händen. Und wir sind eine Nation, die angesichts übertriebener Ernsthaftigkeit nur lachen kann. Eine durch methodische Optimierung hervorgebrachte 'Schönheit' ist ihrem Wesen nach eine kitschige, oberflächliche Schönheit; sie besteht aus einer Reihe wohlgeordnet marschierender Männer mit Fitness-Trackern, die dem romantischen Sog des lässigen Rebellen immer unterliegen werden - jenes Rebellen, der nach einem Glas Wein zum Mittagessen eingeschlafen ist und sich unter der krebserregenden Sonne tief gebräunt hat."New Yorker (USA), 31.08.2026
Anfang des Jahres hat die Trump-Regierung die Operation Metro Surge in Minneapolis gestartet, um illegale Einwanderer aufzuspüren, doch die Bevölkerung hat sich gewehrt. Renee Good und Alex Pretti wurde von ICE-Agenten dabei erschossen. Emily Witt reist in die Stadt, und begegnet Menschen, die verhaftet wurden, wie der Musiker Emmett Doyle, der wegen eines Protestsongs festgenommen wurde: "Doyle sieht seine Festnahme als Beweis dafür, dass die Regierung den Widerstand in Minneapolis grundlegend missversteht. 'Sie scheinen zu glauben, es gäbe da diese kleine, krebsartige Zelle, und wenn sie diese herausschneiden, würden alle Menschen in Minneapolis wieder dazu übergehen, gewalttätige Schläger in unseren Straßen passiv hinzunehmen', sagte er. Er war der Ansicht, dass die Beamten in ungerechtfertigter Weise militarisiert vorgegangen seien. 'Ich glaube, ein wesentlicher Bestandteil des Faschismus ist performative Gewalt. Es ist die Ästhetisierung von Brutalität, und sie geht Hand in Hand mit der übergeordneten Logik der Operation 'Metro Surge', die lautete: 'Überflutet die Straßen dieser notorisch rebellischen Stadt' - ihr wisst schon, den Ort des George-Floyd-Aufstands von 2020 - 'mit den gewalttätigsten, durchgedrehtetsten und brutalsten Beamten aus Trumps Privatarmee', und lässt dann die ganze Nation zusehen, wie sie uns misshandeln. Und was sie stattdessen bekamen, war, dass die ganze Nation zusah, wie Minneapolis sich erhob und dem Land zeigte, wie man sich ihnen widersetzt.' Am 24. Juli, sechs Monate nach Alex Prettis Tod, hat seine Mutter zu diesem Anlass auf Instagram gepostet: 'Keiner ist zur Verantwortung gezogen worden, keine Entschuldigungen, kein einziger Anruf von irgendeinem Regierungsmitglied, Krankenhauspersonal oder der Polizei in Minneapolis', schrieb sie. 'Wie soll man leben, wenn man weiß, dass man keine Kraft hat, das zu ändern, was passiert ist?' Die Stadt hat auf ihre eigene Art und Weise Katharsis gesucht. Die May Day Parade dieses Jahr endete wie jedes Jahr mit einer Zeremonie vor einem kleinen See im Powderhorn Park, wo Puppenspieler die Rückkehr des Frühlings feiern. Die diesjährige Zeremonie hat auch an die Trauer dieses Winters erinnert: Eine Familie, die sich in ihrem Haus versteckt, ICE-Agenten aus Pappe, Puppenspieler mit Pfeifen; die Tode von Good und Pretti. Ich weiß, als jemand, der lange weit von Minneapolis entfernt gelebt hat, dass Leute von außen das alles als idealistisch sehen mögen, ich weiß aber auch, wie tief diese Aufrichtigkeit reicht."Sieh dir diesen Beitrag auf Instagram anEin Beitrag geteilt von Susan Te Kahurangi King (@susantekahurangiking)
Laura Newson besucht die 75-jährige Susan Te Kahurangi King, Neuseelands berühmteste lebende Künstlerin, deren Werke unter anderem im New Yorker MoMA hängen, und die doch in ihrer Heimat kaum jemand kennt. Denn King, die bei der Familie ihrer Schwester lebt und bei der erst im Alter von 64 Jahren eine Autismus-Spektrum-Störung diagnostiziert wurde, spricht, schreibt und liest nicht, ihre Familie sah sie auch nur ein einziges Mal lachen. Stattdessen zeichnet sie seit frühester Kindheit: "King ist die Herrscherin über wimmelnde Unterwelten, in denen Menschen mit Schweinegesichtern gekitzelt, gestreichelt und angestupst werden; Enten in Windeln in den Abfluss gesaugt werden; und 'Looney Tunes'-Figuren lächerliche Zahnbehandlungen über sich ergehen lassen müssen. Schon als Kind erfand sie ihren Stil unermüdlich neu. Mit zehn waren ihre Zeichnungen kühn und klar, wie Tattoo-Vorlagen von einem fremden Planeten. In ihrer Jugend wurden sie düster und mineralisch - sie meißelte mit ihrem Bleistift ins Papier und füllte es von Rand zu Rand mit melancholischen Landschaften und anarchischen Türmen aus Trödel. In ihren Zwanzigern begannen die Kompositionen auf dem Blatt wie Meereswellen anzusteigen und abzufallen. Humanoide marschieren in schwebender Bewegung über das Papier, wie Marcel Duchamps 'Descendant Nude', und verdichten sich zu achatfarbenen Farbstreifen. Manche tragen Badeanzüge, manche Stöckelschuhe, andere haben Fleischwölfe als Köpfe. Sie bahnen sich ihren Weg durch Halden surrealer Trümmer: Propellerhüte und Hasenohren, Stiernasen mit Messingringen, die Handschuhe einer berühmten Maus, die zum Abschied winken. Die Zeichnungen sind furchterregend, urkomisch, anzüglich und widerspenstig. Kings Augen fangen das Sammelsurium der Welt ein, und ihre Hand hält es mit einer Sensibilität fest, die nur aus Zuneigung entstehen kann. Bemerkenswerterweise plant sie ihre Kompositionen nicht und benutzt keinen Radiergummi."
HVG (Ungarn), 27.08.2026
Der Schauspieler und Regisseur Renátó Olasz spricht über die Prozesse der Filmschaffens unter Orbán: "Auch wenn der klassische Weg im Filmgeschäft darin besteht, ein Drehbuch zu schreiben und sich damit zu bewerben - wenn wir aber ohnehin kein Geld vom Filminstitut bekommen, wozu dann die Bewerbung, und warum sollten wir dann nicht einmal anders als gewohnt arbeiten? Frei, so wie wir es wollen. 'Vielen Dank an die ungarische Regierung, dass sie das Immunsystem des ungarischen Films gestärkt hat', richtete Szabolcs Hajdu auf dem diesjährigen Filmfestival noch eine Botschaft an die Fidesz-Regierung. Auch ich 'verdanke' es den letzten sechzehn Jahren, dass wir alle Mitwirkenden für meinen Film kostenlos bekommen haben. Es war eine wunderbare Erfahrung zu erleben, dass es Menschen gibt, die ihr Geld anderswo verdienen und nebenbei sehr gerne Talente fördern, damit das Filmhandwerk weiterbesteht. Gleich zu Beginn habe ich die Crewmitglieder gefragt: 'Das ist nun eine Art Film, für den es kein Drehbuch geben wird, wir werden improvisieren, und ihr werdet kein Geld verdienen, aber ihr bekommt Unterkunft, Verpflegung, Benzingeld und könnt frei kreativ sein. Habt ihr Lust darauf?' Zum Glück hatten sie das."Novaja Gazeta Europe (Russland / Lettland), 28.08.2026
Dlf - Essay und Diskurs (Deutschland), 30.08.2026
Heute ist es leichter denn je, Gucci oder Dior zu tragen - solange es kein Original sein muss. Kostengünstige Fälschungen, einst die Spezialität zweifelhafter Straßenhändler in touristisch sehr erschlossenen Gebieten, lassen sich mittlerweile auch im Netz zumindest mit etwas Beharrlichkeit durchaus erwerben, stellt Laura Ewert in einer sehr lesenswerten, kulturtheoretisch und soziologisch unterfütterten Analyse von Mode und Gesellschaft im Jahr 2026 fest. War es das also mit Mode als Praxis der Distinktion? Keineswegs, die Karten werden nur neu gemischt: "Die Distinktion führt heute nicht über echt oder falsch, sondern über das Wissen von den Merkmalen und den Besitz eines besonders guten Fakes. Der deutsche Rapper Capital Bra sagt in einer Social Media-Story, dass er sich auf Bali eine Gucci-Kappe für zwei Euro gekauft habe, die besser aussehe als das Original. Und es schwingt ein leichtes Hinabsehen mit auf die, die mehr Geld dafür ausgeben. ... Betrachtet man das Thema mit Jean Baudrillard, so steckt der Zeichenwert im Original wie in der Fälschung. Aber auf unterschiedliche Art. Der Zeichenwert einer gefälschten Gucci-Kappe ist die Zugehörigkeit zu einer Gruppe, die schlauer konsumiert. ... Extrem reiche Menschen haben sich in den letzten Jahren mit dem Trend der Quiet Luxury abgegrenzt und statt der Logos auf Gürtelschnallen und T-Shirts auf Unauffälligkeit gesetzt, auf teure Materialien und Zeitlosigkeit. ... Das hat einmal den Vorteil, dass das Fußvolk nicht mit den Heugabeln angestürmt kommt und man sich für das Prahlen in Krisenzeiten nicht schämen muss, es kann aber auch als eine Antwort auf den Markenkult gelesen werden, der Original und Fälschung beieinander hält. Und man möchte als Unternehmer in dritter Generation vielleicht eher nicht mit dem Rapper aus der Vorstadt assoziiert werden. ... Auch deswegen müssen Luxusgüter immer teurer werden, um überhaupt noch zur Distinktion zu taugen. Deshalb setzen Modekonzerne in den letzten Jahren nicht mehr nur auf künstliche Verknappung", sondern "vermehrt auch auf künstliche Verteuerung".Elet es Irodalom (Ungarn), 28.08.2026
Der Dramatiker, Dramaturg und Regisseur Ádám Fekete ist seit seiner Geburt körperlich behindert. Den Kontrollverlust über seinen Körper nutzt er für seine Kunst, erklärt er: "Bei der Entwicklung der Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts geht es unter anderem darum, dass Kontrolle nicht die einzige ordnende Kraft ist. Es gibt Musikstücke, die mit Zufallsoperationen entstehen, und es gibt Improvisationstechniken, die sich auf den Augenblick verlassen und sich an der Grenze zwischen Handeln und Geschehen ansiedeln. In meinem Körper gestalten sich die Zufälle so, dass ich nicht genau weiß, wann und in welche Richtung meine Hand zittert. Mein Körper besitzt dadurch eine unberechenbare Kraft, und ich freue mich über darüber; diese nutze ich auch beim Klavierspielen. Wenn ich rebelliere, dann rebelliere ich gegen jene Weltordnung, die besagt, man müsse einen schönen Kreis zeichnen können, denn wenn man keinen schönen Kreis zeichnen kann, dann solle man gar nicht erst anfangen. Oder man muss sein Handgelenk entspannen können, denn wenn man das nicht kann, wird daraus keine schöne Musik. Dagegen rebelliere ich, und dafür ist mein Körper perfekt geeignet, denn ich bin schlichtweg unfähig, einen C-Moll-Akkord bombensicher zu greifen, und ich werde niemals einen so regelmäßigen Kreis zeichnen können wie andere. Mein Kreis ist unabhängig von meinem Willen, er spielt mir einen Streich, meine eigene Hand bringt ihn aus dem Gleichgewicht, und das führt mich an Orte in der Kunst, an die ich mich innerhalb akademischer Rahmenbedingungen nur schwer vorarbeiten könnte."Eurozine (Österreich), 01.09.2026
Im Jahr 2018 zahlte Sam Altman einen Vorschuss von 10.000 US-Dollar an das in Vancouver ansässige Start-up "Nectome" und zwar für einen Dienst, den das Unternehmen bis heute nicht anbieten kann, erinnert Moheb Costandi: Altman hofft darauf, dass sein Gehirn nach dem Tod konserviert, digitalisiert und so wiederbelebt werden kann. "Ich gehe davon aus, dass mein Gehirn in die Cloud hochgeladen wird", sagte er der MIT Technology Review damals. Wie realistisch ist die sogenannte "digitale Gehirnemulation"? Dabei "wird ein hochauflösendes digitales Abbild eines gesamten menschlichen Gehirns erstellt. Die Idee dahinter ist, dass ein solches Abbild - basierend auf detaillierten Daten des neuronalen Konnektoms einer Person - deren Erinnerungen reproduzieren und womöglich sogar ein eigenes Bewusstsein entwickeln könnte." Anstatt "das Gehirn selbst wiederzubeleben, geht der Gründer von Nectome davon aus, dass es eines Tages möglich sein wird, dessen Struktur sowie die darin gespeicherten neuronalen Informationen zu digitalisieren. Die so gewonnenen Daten könnten dann auf einen Supercomputer übertragen werden, um den Geist und das Bewusstsein des jeweiligen Individuums zu emulieren", lesen wir. Es war der Wissenschaft schon 1984 gelungen, ein gesamtes Nervensystem zu kartieren, allerdings das eines millimetergroßen Wurms, der nur 304 Neuronen besitzt. "Im Oktober 2024 gab das FlyWire-Konsortium bekannt, das vollständige Konnektom der Taufliege 'D. melanogaster' kartiert zu haben. Zwar besitzt die Taufliege ein Gehirn von der Größe eines Stecknadelkopfes, doch selbst mit moderneren Methoden benötigte das riesige, über 127 wissenschaftliche Einrichtungen weltweit verteilte Team sechs Jahre für die Kartierung des Konnektoms." Laut einer Studie von "Anders Sandberg und Nick Bostrom vom Future of Humanity Institute würde ein niedrig aufgelöstes Gehirnmodell, das Neuronen als einfache 'An/Aus'-Spiking-Einheiten und Synapsen als 'gewichtete' Verbindungen unterschiedlicher Stärke simuliert, zwischen einem Petaflop und einem Exaflop Rechenleistung benötigen. Zum Vergleich: Der schnellste Supercomputer der Welt - im Nationalen Supercomputing-Zentrum Chinas - erreichte knapp 2,2 Exaflops. Ein detaillierteres Modell, das Genexpression, Protein-Protein-Interaktionen und andere molekulare Prozesse berücksichtigt, die wahrscheinlich für die neuronale Funktion wichtig sind, würde vermutlich mindestens 10 Millionen Exaflops Rechenleistung benötigen. Die Speicherung all dieser Daten würde mindestens ein Exabyte (eine Milliarde Gigabyte), möglicherweise sogar zwei oder drei, erfordern. Obwohl es unmöglich ist, KI-Rechenzentren anhand ihrer Speicherkapazität zu ordnen, zählt der Colossus-Supercomputer von xAI in Memphis, Tennessee, zu den Anwärtern auf den Titel des 'größten'. Er verfügt über geschätzte 0,5 Exabyte Gesamtspeicher für das Training seines Algorithmus sowie über rund 200.000 Grafikprozessoren."Qantara (Deutschland), 21.08.2026
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