Ben Foster und Sidney Sweeney als Jim und Christy Martin. "That's Why The Lady Is A Champ" von David Michôd widmet sich dem Leben der lesbischen Boxerin Christy Martin, gespielt von Sidney Sweeney. Im Standardstaunt Valerie Dirk, dass ausgerechnet Sweeney, obwohl "an ihr nichts queer oder fortschrittlich" sei, das Highlight des Films ist: "Wer mit Christy Martins Leben vertraut ist, der weiß, dass darin häusliche Gewalt im schlimmsten Ausmaß eine Rolle spielt. Das Biopic von David Michôd dekliniert dies akribisch durch. Über zwei Stunden misst der Film und hätte vor allem im ersten Teil - dem Aufstieg zum Erfolg - eine knappere Schnittfassung gut vertragen. Auch die emotionalisierende Musik und die Darstellung von BenFoster als Christys grindigem Trainer und Ehemann sind eher übersteuert als fesselnd. Und trotzdem schaut man sich den Film gerne an: Das liegt insbesondere an Sweeney, die für ihre Rolle als Profiboxerin hart trainiert und einige Kilos Muskelmasse zugenommen hat. Sweeney hat als Jugendliche Kampfsport betrieben, sie ist klein und wendig, die Schläge sitzen präzise, die Kämpfe wirken lebendig und echt."
"Babylon Berlin". Bild: Christine Schroeder/X Filme Creative Pool/ARD Degeto Film/WDR/SWR/HR/Radio Bremen/Beta Film. Serien sind "die Romane unserer Zeit", ist sich Elmar Krekeler in der Welt am Sonntag sicher, nachdem er die fünfte und letzte Staffel von "Babylon Berlin" gesehen hat. Sie greift noch mal alle offenen Fäden auf und erzählt von der Zeit, in der Hitler an die Macht kommt: "Die Geschichten von Kommissar Gereon Rath und Charlotte Ritter, die sich verlieren und finden. Das letzte Aufflackern der Queerness in den Berliner Klubs und wie auch sie von der SA okkupiert wird. Es ist noch einmal alles drin. Die waghalsigen Schnitte, die irrsinnige Ausstattung, der Aberwitz der Geschichten, die Blenden, der Witz, die Musik. Und der Cast, der spielt, als ginge es ums eigene Überleben. Das Entsetzen über das, was geschieht, gräbt sich immer tiefer ein in ihre Gesichter. Sie können es einfach nicht fassen. (…) Die Wahrheit ist das vielleicht nicht. Aber es ist, mit allem, was ihre Schöpfer in dieses Fanal münden lassen, von einer grandiosen, überwältigenden, zeichenhaften Wahrhaftigkeit."
Weitere Artikel: Jan Küveler trifft für die Wams den Regisseur Darren Aronofsky auf dem Filmfestival Locarno. Der Synchronsprecherverband VDS hat Kartellbeschwerde eingereicht: Netflix zwinge die Sprecher, eine KI-Klausel zu unterschreiben. Wer nicht zustimmt, werde nicht mehr beauftragt, berichtet Laura Roban für die FAZ. Auf den Bilder-und-Zeiten-Seiten der FAZ denkt Jürgen Kaube über Alfred Hitchcocks "Frenzy" nach. Bert Rebhandl macht sich für die FAS Gedanken darüber, ob es für den Erfolg eines Filmes eigentlich wichtig ist, dass er von öffentlicher Hand gefördert wurde. Manuel Schubert schaut für die taz auf sechzig Jahre "Star Trek" zurück. Daniel Kothenschulte ist für die FR auf dem Filmfestival Venedig unterwegs, Felicitas Kleiner ist für den Filmdienst dort. Philipp Bovermann spricht für die SZ mit der Schauspielerin Emilia Schüle über politische Haltung. Christine Dössel schreibt in der SZ den Nachruf auf den Schauspieler Michael Mendl.
Besprochen werden Martin McDonaghs "Wild Horse Nine" mit John Malkovich (FAZ), "Die Versuchung", Nils Willbrandts Film für die ARD-Reihe "Harter Brocken" (FAZ), die vierte Staffel von "Ted Lasso" (taz).
Dämonisch, aber mit kindlicher Unschuld: Rooney und Kate Mara in Werner Herzogs "Bucking Fastard" Aus Cannes hatte WernerHerzog seinen neuen Spielfilm "Bucking Fastard" abgezogen, weil er nur in einer Nebenreihe laufen sollte - nicht aus Gekränktheit, betonte der Regisseur, sondern weil seine beiden Hauptdarstellerinnen, die Schwestern Rooney und KateMara, die Bühne des Wettbewerbs verdient hätten. Nun hat Venedig Herzog den Gefallen getan und zeigt dessen lose Interpretation der Lebensgeschichte der beiden Zwillinge Freda und Greta Chaplin, die so eng miteinander waren, dass sie bis zu Versprechern über weite Strecken unisono sprachen. "Berührend" findet es Anke Leweke in der Zeit, "wie sich der 83-jährige Abenteurer des neuen deutschen Films einlässt auf die Zwillingsschwestern, ihre Fähigkeit zu romantischer Schwärmerei und unbedingter Liebe, auf ihre symbiotische Zweisamkeit. ... Von ihrer männlichen Umgebung werden sie mit Blicken und auch Übergriffen verfolgt, man bangt um sie. Doch muss man sich keine Sorgen machen, denn die beiden finden Schutz in Werner Herzogs freiem Erzählen, in seiner abgefahrenen Naturmystik, in der Weite der irischen Landschaft."
"Kate und Rooney Mara spielen diese zwei Entrückten mit kindlicher Unschuld, in deren Lächeln aber stets etwasDämonisches hineinspielt", schreibt Tim Caspar Boehme in der taz über diesen "immer wieder schreiend komischen Film", den Herzog DavidLynch gewidmet hat, "da kann ein wenig Abgründiges nicht schaden". Standard-Kritikerin Valerie Dirk hat den Eindruck, Herzog setze hier "die eigene Filmografie zu einem CadavreExquis zusammen", so sehr schwelgt der Film in Selbstzitaten. NZZ-Kritiker Tobias Sedlmaier war das zuviel: "Es wirkt, als hätte eine künstliche Intelligenz sämtliche Lebensthemen von Werner Herzog in einen Topf geschmissen und verfremdet wieder ausgespuckt." FAZ-Kritiker Bert Rebhandl wird bei diesem Film "deutlich, dass Herzog sein Wahrheitspathos, das er auch mit einem entsprechenden Buch vertreten hat, immer wieder auch als Nonsens-Orakel verficht".
In seinem Artechock-Tagebuch vom Festival sorgt sich Rüdiger Suchsland, ob Filmfestivals generell in den letzten Jahren nicht zu politisch geworden sind und damit immer mehr entsprechende Erwartungen nähren: "Muss ein Filmfestival eigentlich zu jedem politischen Konflikt eine eindeutige Position liefern - oder besteht seine (auch politische) Qualität gerade darin, dem Zeitgeist gegenüber widerständig zu bleiben, Widersprüche und Ambivalenzen auszuhalten und Plattform zu sein?"
Mehr vom Lido: Olaf Möller liefert erste Eindrucke auf critic.de. Felicitas Kleiner berichtet im Filmdienst vom Auftakt des Festivals mit Danny Boyles "Ink" (mehr dazu bereits hier). Philipp Bovermann (SZ) trifft sich mit MartinMcDonagh, der seinen neuen Film "Wild Horse Nine" zeigt.
Außerdem: In seiner Artechock-Kolumne sorgt sich Rüdiger Suchsland um den Fortbestand der ConstantinFilm. Nach IngeborgBachmann und ErikaMann wird SandraHüller mit WolfgangHerrndorf in MariaSchraders Adaption von "Arbeit und Struktur" demnächst eine weitere Figur der deutschen Literaturgeschichte spielen, meldet Felix Knorr im Filmdienst. Dunja Bialas empfiehlt auf Artechock Filme aus den Fünf Seen Filmfestivalin München. Im critic.de-Podcast "Dust in the Wind" sprechen Lukas Foerster, Dunja Bialas und Doris Kuhn über BrezelGörings "Für immer 16" (unsere Kritik).
Besprochen werden PawełPawlikowskis "Vaterland" (Artechock, critic.de, mehr dazu bereits hier), David Michôds Boxerinnendrama "That's Why the Lady is a Champ" (Perlentaucher, online nachgereicht von der Welt) und Timo Großpietschs Dokumentarfilm "Fluss" (FAZ).
Szene aus Danny Boyles "Ink" Die FilmfestspieleVenedig sind eröffnet. Fast schon traditionell gibt es den kritischen Hinweis, dass zu wenig Regisseurinnen im Wettbewerb vertreten sind, der diesmal von der Jurypräsidentin MaggieGyllenhaal selbst stammt. Außerdem wurde als Eröffnungsfilm DannyBoyles "Ink" gezeigt, der von den Anfängen RupertMurdochs im britischen Boulevard handelt. Für "fraglich" hält es tazler Tim Caspar Boehme, ob der Film "als herausragend in die Geschichte des Kinos eingehen wird". Boyle greift auf dynamisierende Erzählstrategien zurück, die sich in seinen Filmen seit "Trainspotting" bestens bewährt haben: "SchnelleSchnitte, Titelseiten blitzen immer wieder mal kurz zwischen den Bildern der Handlung auf, dazu empfiehlt sich die motorisch voranprenschende Rockmusik des Soundtracks als das akustische Äquivalent einer auf Hochtouren laufenden Druckwalze." Welt-Kritiker Jan Küveler findet den Film "recht grob mit dem Holzhammer gezimmert" und wundert sich, "wie viel Empathie man jetzt aufbringen soll für die Leute, die angeblich den Untergang des Abendlands auf den Weg gebracht haben". Dem kann sich auch Philipp Bovermann in der SZ anschließen: "Murdoch kommt darin überraschend gut weg."
Weiteres: Bert Rebhandl (Standard) und Daniel Kothenschulte (FR) sprechen mit PawełPawlikowski über dessen in der Zeit von Adam Soboczynski zum "Meisterwerk" erklärten Thomas-Mann-Film "Vaterland" (mehr dazu bereits hier). Christine Dössel schreibt in der SZ einen Nachruf auf die Schauspielerin CordulaTrantow. Besprochen werden SeemabGuls "Ghost School" (taz) und DavidMichôds Boxerinnen-Drama "That's Why The Lady is a Champ" mit SydneySweeney (FAZ, Tsp).
Sie ist schnippisch, er trägt Krawatte: Sandra Hüller als Erika, Hanns Zischler als Thomas Mann in "Vaterland" (Neue Visionen) Die Feuilletons stürzen sich auf den bereits in Cannes sehr gut besprochenen Schwarzweißfilm "Vaterland", in dem der polnische Auteur PawełPawlikowski von Thomas und Erika Manns Reise quer durch das zerstörte Deutschland im Jahr 1949 erzählt - HannsZischler spielt ihn, SandraHüller sie, AugustDiehl ist als KlausMann dabei. Es "ist ein kleines, bescheidenes Meisterstück, ein Film von kristallener Klarheit", jubelt Philipp Bovermann in der SZ. Schon in früheren Filmen hat der Regisseur "von dem erzählt, was zurückblieb an Schmerz und verpasster Trauer, als das Fieber des Krieges von Europa wich". Nun schaut er nach Deutschland, "ins Herz eines Landes, das sich um diese Zeit, die er in seinen Filmen immer wieder bearbeitet hat, selbst fremd geworden und seither wohl auch immer fremd geblieben ist. Um das so klar zu sehen, muss man vielleicht selbst fremd in Deutschland sein." Schon alleine für das Schauspiel von Hanns Zischler und Sandra Hüller lohnt sich der Kinobesuch, schwärmt FAZ-Kritiker Andreas Kilb. "Zischler unterspielt das Gravitätische, zu dem seine Rolle einlädt, so mühelos wie Sandra Hüller dastrotzigTöchterliche. Die Last des Nationaldichtertums drückt auf seine Schultern wie auf ihre die Trauer um den toten Klaus. Sie rettet sich in Schnippischkeit und Sarkasmen (...), er versteckt sich in Anzügen und Krawatten. ... Schon dieses Duell macht den Film groß."
Ansonsten viele Interviews zum Film: Thomas Abeltshauser (taz) und Jan Küveler (Welt) sprachen mit dem Regisseur, Rüdiger Suchsland (Jungle World) und Andreas Busche (Tsp) mit HannsZischler und Kathleen Hildebrand (SZ) mit SandraHüller.
In Venedig eröffnen die Filmfestspiele. Barbara Schweizerhof zieht im Freitag schon mal den Kopf ein, denn es könnten durchaus Berlinale-Vibes auf uns zukommen: YuvalAbrahams und RachelSzors wie gehabt pro-palästinensischer Dokumentarfilm "Naza" könnte die Gemüter wohl ziemlich erhitzen - und dann ging auch das Gerücht herum, dass das Festival die traditionelle Jury-Pressekonferenz mit Blick auf diesen Film vor allem deshalb zwischenzeitlich abgesagt hatte, um Szenen wie in diesem Jahr im Februar an der Spree zu verhindern. Auch dass der russische Regisseur IlyaKhrzhanovsky einen neuen Film seines "Dau"-Projekts zeigt, wurde von ukrainischen Stimmen kritisch kommentiert. "Festivaldirektor Alberto Barbera wies diese Anwürfe von ukrainischer Seite als 'kleinlich und inakzeptabel' zurück. Dau sei weder ein russischer Film - als Produktionsländer sind Deutschland, Frankreich und Schweden gelistet -, noch putinfreundliche Propaganda, sondern 'das Werk eines russischen Dissidenten'." Wichtiger fände Schweizerhof, auf die bereits auf der Berlinale 2020 bei den ersten zwei "Dau"-Filmen aufgeflammte Debatte um die Ethik dieses Monumentalprojekts anzuschließen: "Khrzhanovsky habe in ethisch fragwürdiger Weise realeSex- undGewaltszenen mit Laien gefilmt, hieß es."
In der SZ stutzt Philipp Bovermann, dass die großenUS-Studios, die am Lido normalerweise die Oscar-Saison ankündigen, genauso fernbleiben wie zuvor auch schon in Berlin und Cannes. Die Branche hadert mittlerweile mit Festivalpremieren - nicht nur schaden Festival-Verrisse dem Kinostart, seit Berlin geht auch die Sorge um, dass man viel Geld dafür ausgibt, um am Ende doch nur mit einem Nahost-Skandal in den Pressekonferenzen und einem Boykott-Aufruf nach Hause zu gehen: "Dann bucht man halt lieber ein schönes Kino in New York oder London und lädt dazu geneigteInfluencer-Superfans ein." Festivalleiter "Barbera sprach davon, dass die Studios durch die Veränderungen des Marktes gerade eine Identitätskrise durchmachen", berichtet Andreas Busche im Tagesspiegel, doch er findet: "Man könnte den Spieß also genauso gut umdrehen: Die Absagen von Hollywood könnten über kurz oder lang Filmfestivals in eine Identitätskrise stürzen." Außerdem blicken Daniel Kothenschulte (FR) und Tim Caspar Boehme (taz) auf die nächsten Tage.
Besprochen werden MarcRothemunds Komödie "Das gewisse Etwas" (Standard), James Ashcrofts auf Netflix gezeigter Thriller "Kinderflüsterer" mit Robert de Niro (Standard), und RalphNünthels Buch "Vor dem Film - Nach dem Film - Zu jedem Film: Das Programm von Heute. Die Entstehung und Entwicklung einer fast in Vergessenheit geratenen Filmprogramm-Reihe" (FD).
Bert Rebhandl schaut sich in der FAZ das sanft irritierende Hin-und-Her des Filmfestivals Venedig näher an, das die traditionelle Jurykonferenz wegen eines angeblichen Terminkonflikts zunächst abgesagt hatte, nach entsprechenden Nachfragen nun aber doch stattfinden lässt. Ob man einen Eklat wie auf der Berlinale vermeiden will? Die Aufnahme von "Naza" ins Programm, ein dem Ankündigungstext nach zu schließen äußerstpro-palästinensischerFilm, lässt das zumindest vermuten. "In Venedig, wo 2028 über die Nachfolge für den langjährigen Direktor AlbertoBarbera entschieden werden soll, geht es auch um politischeHegemonien: Die Regierung Meloni versucht, ihre Netzwerke in den Institutionen des Landes so zu verfestigen, dass sie womöglich auch eine Wahlniederlage 2027 überleben. Barbera muss also vorsichtig navigieren, der Druck von der linken Palästina-Solidarität ist groß, der von rechts nicht minder."
Weitere Artikel: Dass Kritiker ChristopherNolans "Odyssee" mangelnde Werktreue vorwerfen, verfehlt den Punkt, meint Sarah Pines in der NZZ: Archetypische Stoffe zeichne es gerade aus, dass sie von der Gegenwart immer wieder neu interpretiert werden. Und ganz viel Lesestoff für die nächsten Tage: Das Team von critic.de - darunter einige, die Sie auch von den Kinokritiken im Perlentaucher kennen - resümiert das Frankfurter FilmfestivalTerzaVisione, bei dem ausgesuchte Raritäten des italienischenGenrekinos von 35mm-Kopien projiziert wurden.
Besprochen werden KaiStänickes Regiedebüt "Der Heimatlose" (taz), FarazShariats Justizthriller "Staatsschutz" (SZ, unsere Kritik) und die ARD-Serie "Selling Sex" (NZZ).
Valerie Dirk plaudert im Standard mit dem britischen Filmexperten Neil Young über die eigentlich längst überfällige Bekanntgabe des nächsten James-Bond-Darstellers, nachdem als nächster Bond-Regisseur bereits DenisVilleneuve feststeht. Vielleicht wird es ja doch eine Frau? "EmilyBlunt ist mehrfach genannt worden und erfüllt alle Voraussetzungen: Sie kann Action und sie besitzt die nötige Präsenz. Man könnte sich den Beginn eines Films vorstellen: ein dunkles Schlafzimmer, ein Mann und eine Frau. Sie erschießt ihn. Als er stirbt, fragt er: 'Wer bist du?' Und sie sagt: 'Der Name ist Bond. Jane Bond.' Natürlich ist das provokant. Aber warum eigentlich nicht? Die Vorstellung, James Bond müsse für immer ein weißer, heterosexueller Mann sein, halte ich für absurd."
Weiteres: Vierra Pirker und Sarah Stutte resümieren im Filmdienst das Filmfestival Locarno, dem sie als Mitglieder der ökumenischen Jury beigewohnt haben. Besprochen werden CyrilAris' libanesisches Liebesdrama "A Sad and Beautiful World" (NZZ am Sonntag, mehr dazu bereits hier), die Arte-Serie "Familiengeheimisse" (Welt), Mike van Diems "Our Girls" (Standard) und der auf Netflix gezeigte Thriller Der Kinderflüsterer" mit Robert de Niro (SZ).
Sandra Hüller und Hanns Zischler in "Vaterland" In der FAZ spricht HannsZischler mit Andreas Kilb über seine Rolle als ThomasMann in PawełPawlikowskis beim Filmfestival in Cannes sehr positiv aufgenommenen Film "Vaterland". Der polnische Film erzählt davon, wie Thomas Mann 1949 mit seiner von SandraHüller gespielten Tochter ErikaMann quer durch das zerstörte Nachkriegsdeutschland reist. Zischler findet, "dass der Film auf faszinierende Weise den Augenblick der Krise Deutschlands im Jahr 1949 erfasst. ... Man kann sich fragen: Was ist denn dieses Deutschland? Wie ist es so geworden, dass es in zwei Teile zerbrach, was für Thomas Mann eine Katastrophe war? Der Film beharrt ja auf einer Episode, die nicht gerade ein historisches Riesenereignis war. Aber dadurch, dass sie in Frankfurt und Weimar spielt, dass sie durch deutsche Städte und Landschaften führt, die vom Krieg gezeichnet sind, bekommt das Ganze eine andere Dimension. Es geht auch um die Frage, was Heimat ist. All dieses neuerdings wieder aufkommende dumme Gewäsch darüber, was deutsch zu sein hat, ist am Anfang des Films bereits thematisiert. Ich wüsste nicht, welcher deutsche Regisseur das in dieser konzentrierten Form machen könnte."
Bestellen Sie bei eichendorff21!BretEastonEllis' Roman "The Shards" war ein Comeback zur besten Form, aber Ryan Murphys auf Disney+ gezeigte Serienadaption ist eine absolute Katastrophe, ärgert sich Pavao Vlajcic auf critic.de. Der bei Ellis hochgradig verdichtete Stoff - 80s, Teenies, Drogen, Sex, Pop und ein Serienkiller - wäre eigentlich wie gespuckt für eine HBO-Prestige-Produktion gewesen, doch "Murphy setzt die Camp-Kreissäge an, fügt beliebige neue Figuren hinzu, die kaum etwas zu der Handlung oder Stimmung beitragen, definiert die Beziehungen der Charaktere untereinander neu, bietet peinliche Tanzwettbewerbe auf, macht aus dem chimärenhaften Mörder des Buchs eine Variante des folternden Jigsaw-Killers und lässt zwischenzeitlich die Charaktere alle zwei Minuten Kokslinien ziehen. ... Die Psychedelie, der Exzess und die unscharfe Trennung von Realität und Wirklichkeit sind in dem Buch sorgfältig angelegt, kontrolliert ausgestaltet und verweisen stets auf unter der Oberfläche ablaufende Bewusstseinsprozesse. Bei Murphy sind diese Elemente rein kosmetisch eingesetzte Makulatur."
Weiteres: Marius Nobach schreibt im Filmdienst zum Tod von Tim Curry (weitere Nachrufe hier). Besprochen werden BrezelGörings Super8-Punkfilm "Für immer 16" mit Lilith Stangenberg (FAZ, unsere Kritik), Will Glucks romantische Sexkomödie "One Night Only" (Standard, mehr dazu bereits hier), Ridley Scotts "Das Ende der Sterne" (critic.de), der Actionfilm "Mutiny" mit JasonStatham (Standard) und der auf Netflix gezeigte Thriller "Kinderflüstern" mit RobertdeNiro und AdamScott (FAZ).
Die Feuilletons trauern um den Schauspieler TimCurry, der als Dr. Frank-N-Furter in der "Rocky Horror Picture Show" nicht nur berühmt, sondern zur Ikone der Gegenkultur der Siebziger wurde. Auch in seinem weiteren Schaffen "waren es die exzentrischen Schurken, die Curry auf der Leinwand verkörperte", schreibt Hilka Dirks in der taz. "Trotz seines Talents für Stimmen waren es dabei wohl eigentlich seine Augen, die stets das Exzentrische betonten: die leise Möglichkeit des Spotts gegenüber der Autorität - auch der eigenen. ... Stets verkörperte Curry seine Charaktere als performative Grenzgänger mit Lust an der spielerischen Provokation."
"Curry war im Grunde einer aus der britischen Nachkriegsschauspielerriege derer von Richard Burton und Jon Finch", schreibt Edo Reents in der FAZ. Doch erst in der Kult-Horror-Musical-Farce, "unter den von der Produktion gewährten Platzverhältnissen eines Breitwandformats, mit Mieder, Strapsen und High Heels, entfaltete sich Tim Currys gesamtdarstellerische Kraft, PrachtundWucht vollends. Was er an Körpersprache und Athletik, an Mimik und natürlich auch, sprechend wie singend, stimmlich leistet, vergisst man nicht wieder; besonders nicht den absoluten Glanzauftritt vor den staunend-schockierten Augen des von Susan Sarandon und Barry Bostwick gespielten, dümmlichen Pärchens." Wir haben ihn oben für Sie eingebettet, weitere Nachrufe in Welt und FR. Die Strahlkraft klassischer Hollywood-Paare: Monica Barbaro und Callum Turner in "One Night Only" "Malle ist nur einmal im Jahr" lautet bekanntlich ein in eher proletarischen Reisekontexten kursierender Spruch, in WillGlucks RomCom "One Night Only" müsste man ihn wohl zu "Vögeln ist nur einmal im Jahr" abwandeln. Denn in nur einer Nacht des Jahres darf in dem dystopischen Setting diesem Vergnügen nachgegangen werden - mit entsprechenden Turbulenzen in der Bevölkerung. "Für alle, die in der Partnersuche weniger gewandt sind, beginnt hingegen die einsamste Nacht des Jahres", schreibt Kamil Moll auf critic.de. "Seit spätestens Billy Wilders 'The Apartment' nutzt die romantische Komödie für derartige Stimmungslagen immer wieder den forcierten Ausnahmezustand des Silvesterabends als Setting. Recht offen und mitunter unverhohlen genrenostalgisch verweist 'One Night Only' immer wieder auf diese Erzähltradition zurück und behandelt dabei sein dystopisches High-Concept eher als sittenkomödiantisches Anhängsel zweiter Ordnung. Der wundervoll leichthändige Touch des Films, dem ein einwandfrei ausgespielter Slapstick-Gag mehr wert ist als die konkretere Ausformulierung der im Setting angelegte Gesellschaftskritik, fand bei US-Kinostart allerdings kaum Zuspruch in der Filmkritik."
"Über zwei Drittel des Films hinweg ergibt die Prämisse von 'One Night Only' sehr vergnügliche Vignetten aus dem hoch beschleunigten urbanen Leben", freut sich auch Bert Rebhandl in der FAZ zumindest zu zwei Dritteln über diesen Film. "Zu einem Höhepunkt wird die Jagd nach einem Kondom; denn wie üblich gibt es viele, die nicht rechtzeitig ans Praktische gedacht haben, sodass sich um eines der letzten Gummis eine Kaskade von Übervorteilungen und Ausbremsungen ergibt. ... MonicaBarbaro und CallumTurner strahlen beide etwas angenehm Alltägliches inmitten der New Yorker Aufgeregtheit aus. Natürlich sind beide in hohem Maß attraktiv, Alpha-Figuren in einer Riege von leicht grotesken Nebenfiguren, die alle eben für 'das eine' nicht infrage kommen. ... Mit 'One Night Only' entsteht eine Beziehung, die Andeutungen von der StrahlkraftklassischerHollywood-Paare hat."
Weiteres: Axel Timo Purr blickt für Artechock nach China, wo ChristopherNolans "Odyssee" nun ebenfalls mit Erfolg angelaufen ist, aber von zwei heimischen Produktionen noch überflügelt wird. Heike Huppertz schreibt in der FAZ zum Tod des Schauspielers AndreasHoppe. Besprochen werden FarazShariats Justizthriller "Staatsschutz" (Artechock, SZ, unsere Kritik), BrezelGörings "Für immer 16" (Artechock, unsere Kritik), Wilhelm und Anka Sasnals "The Assistant" (Artechock) sowie die HBO-Serie "Tip Toe" (Zeit).
Eine Frau sieht Rot: "Staatsschutz" von Faraz Shariat Nach einem Prozess gegen einen Rechtsextremisten sieht sich eine Staatsanwältin südkoreanischer Herkunft in einer ostdeutschen Stadt Anschlägen auf ihr Leben ausgesetzt und stößt bei Ermittlungen auf Verstrickungen ihrer eigenen Institution in die rechte Szene - das ist die Prämisse von FarazShariats Justizdrama "Staatsschutz". Der Film ist "dunkel gehalten", schreibt Lukas Pazzini im Perlentaucher. "Der Rechtsstaat erscheint nicht transparent, sondern undurchdringlich, mit einem Keller voller Fälle, die aus mutmaßlich politischen Gründen nicht bearbeitet werden." Doch "hinter die spannende Grundfrage nach den geeigneten Mitteln gegen Rechtsextremismus (...) fallen die Charaktere in Shariats Film deutlich zurück. Sie erfüllen Funktionen." tazlerin Barbara Schweizerhof findet den Film in seinen Thrillerpassagen mitunter "wenig plausibel und effekthascherisch". FR-Kritiker Daniel Kothenschulte hält dem Film gerade diese Lust am Genre zugute: "Man muss sich diese Überdeutlichkeiten und liebevollen Amerikanismen trauen dürfen. Shariat steht hier in einer Tradition mit Klaus Lemke, Rudolf Thome, Wim Wenders oder Thomas Arslan." Für die Zeit spricht Peter Kümmel mit dem Regisseur, in der Weltbespricht Hanns-Georg Rodek den Film.
German Cinema, die Auslandsvertretung des deutschen Films, schickt SandraWollners "Everytime" (unsere Kritik) für den Oscar um den besten internationalen Film ins Rennen, meldet Philipp Bovermann in der SZ. Damit wäre es wohl allmählich an der Zeit, nach der "Berliner Schule" von einer "LudwigsburgerSchule" zu sprechen, meint er in Erinnerung an "In die Sonne schauen" von MaschaSchilinski aus dem letzten Jahr, die ebenfalls mit einer eigenwilligen Filmsprache für Aufsehen sorgte. An der Filmhochschule Ludwigsburg bildete sich die letzten Jahre ein interessantes Netzwerk: "Schilinski und Wollner sind Teil derselben Generation deutschsprachiger Filmemacher, sie haben sogar zusammen studiert. Zu ihren Kommilitonen gehörte auch TimmKröger, der Regisseur von 'Die Theorie von Allem' (2023), Wollners Lebenspartner und Kameramann bei ihren ersten beiden Langfilmen, der Regisseur und Drehbuchautor RoderickWarich, die Produzentin ViktoriaStolpe und der Kameramann FabianGamper. Die Mitglieder dieser Gruppe haben mehrfach überkreuz miteinander gearbeitet."
Weiteres: Tobias Sedlmaier schreibt in der NZZ einen Nachruf auf den unvergesslichen TimCurry, der im Alter von 80 Jahren gestorben ist. Besprochen werden RidleyScotts Postapokalypse "Das Ende der Sterne" (taz, FR, Welt), JaumeClaretMuxarts queeres Coming-of-Age-Roadmovie "Strange River" (taz), WillGlucks RomCom "One Night Only" (Welt), Kai Stänickes "Der Heimatlose" (FAZ) und die in der ARDgezeigte feministische Sexarbeit-Serie "Selling Sex" (FAZ).
Produktiv unruhig und auch mal sanft bekifft: Chang Wang, Lilith Stangenberg und Mücke in "Für immer 16" (Bild: Rapid Eye Movies) "Bunt, frei, bekloppt": tazlerin Carolin Weidner hat jede Menge Freude an "Für immer 16", dem auf Super8 gedrehten Film des Berliner Pop-Underground-Urgesteins Brezel Göring mit LilithStangenberg in der Hauptrolle. Der Film geht auf ein Romanfragment von Françoise Cactus, Görings 2021 verstorbener Lebenspartnerin zurück, mit der zusammen er einst das Duo Stereo Total gründete. Der Film zieht von Berlin nach Palermo, Lilith Stangenberg hält sich für unansehnlich und dann kippt der Film in einen Film-im-Film über eine Serienkillerin: Dieser Film "könnte die Pulp-Verfilmung eines frühen Georges Simenon (den Charlotte verehrt) sein, gekreuzt mit einer guten Portion Female Revenge. Eine Spielwiese." So sieht das auch Robert Wagner im Perlentaucher: "Statt einen Film zu machen, wie er zu sein hat, macht Brezel Göring einen Film, wie er nicht zu sein hat, einen Film ewigjugendlicher Rotzigkeit. Dabei kommt dann vielleicht kein straffer, mitreißender Killer-Thriller heraus, aber dafür ein schluffig-amüsanter."
"So punkigunverbindlich der auf Super 8 gedrehte, komplett und nicht allzu professionell nachsynchronisierte, über weite Strecken mit schrammelig-ironischen 'Stereo Total'-Songs unterlegte Film auf den ersten Blick auch wirken mag, so geschickt fügt Göring sein Debüt in die reiche Tradition des filmreflexiven Kinos ein", hält Lukas Foerster im Filmdienst fest: "Wenn Filme vom Filmemachen erzählen, erzählen sie nicht selten von Menschen, denen das Leben, das sie führen, nicht genug ist, weshalb sie ihm etwas Anderes, zumeist etwasAufregenderes, Mondäneres, entgegensetzen wollen. ... Nicht das Imaginäre des Kinos zieht sie an, die überlebensgroßen Bilder der Traumfabrik, sondern das Filmemachen selbst, als eine Existenzform, die eingefahrene Selbstbilder und Lebensentwürfe wieder in produktiveUnruhe versetzt." Auf critic.de dankt Silvia Szymanski "für dieses kleine, verschwommene, bekiffte oder sanft besoffene Provisorium".
Die von Stangenberg gespielte Charlotte ist durchaus ein Alter Ego von Cactus, bestätigt Göring im Tagesspiegel-Gespräch mit Andreas Busche: "Ich habe das beim Lesen sofort gedacht: So ist Françoise wirklich gewesen, diese Sucht nach Liebe, die ohnehin niemals zu kriegen ist. All das überdeckt von total viel Irrsinn. Lilith trifft das sehr gut. Sie ist zwar vollkommen anders als Françoise, aber sie hat manchmal auch dieses Melancholische in sich, etwasKomisches, Nachdenkliches." Und was hat es mit dem Filmformat auf sich? "Super-8-Material sieht einfach gut aus. Ein bisschen so, wie ich die Wirklichkeit sehe. Berlin ist nicht so hübsch - aber wenn man es mit Super 8 filmt, ist sogar das erträglich." Für den Filmdienstsprach Ulrich Kriest mit Göring.
Außerdem: Esther Buss berichtet in der Jungle World von der bereits vielbeachteten Retrospektive des Filmfestivals Locarno zum linkenUS-Kino in der McCarthy-Zeit. In Deutschland wurden 2026 bislang deutlich mehr Kinotickets verkauft als im gleichen Zeitraum im Vorjahr, meldet Felix Knorr im Filmdienst. Besprochen werden Ridley Scotts Postapokalypse "Das Ende der Sterne" (Standard, FAZ) und Will Glucks RomCom "One Night Only" (SZ).
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