9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Wissenschaft

398 Presseschau-Absätze - Seite 1 von 40

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.09.2026 - Wissenschaft

"Verträgt sich Wissenschaft mit Aktivismus? Die kurze Antwort lautet: selten", warnt in der SZ der Philosoph Philipp Hübl. Zu oft würden dann Forschungsergebnisse durch moralische Anliegen verfälscht: "Nur solide Forschung kann der Politik und Gesellschaft helfen. Ein Beispiel: Wenn Muslime aufgrund von Diskriminierung nicht ausreichend im deutschen Arbeitsmarkt integriert sind, muss man diese Diskriminierung bekämpfen. Doch wenn Sprachkenntnisse, formale Bildungsabschlüsse und eine niedrige Beschäftigungsquote bei muslimischen Frauen die Hauptrolle spielen, wie Untersuchungen zeigen, dann muss man in Bildung und Aufklärung investieren. Und wenn beides eine Rolle spielt, muss man die Ressourcen gewichten. Wertfreie Wissenschaft hat den positiven Nebeneffekt, dass man die Ergebnisse tatsächlich nutzen kann, um gesellschaftliche Missstände effektiv zu bekämpfen. Ist Aktivismus allerdings schon in die Forschung eingeschrieben, endet das Projekt fast immer in einem Moralspektakel."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.09.2026 - Wissenschaft

Afrikanische Länder drängen in internationalen Institutionen auf korrekte Weltkarten. In heute gebräuchlichen Karten erscheinen arktische und antarktische Gebiete überporportional groß. Dominic Johnson unterstützt das verständliche Anliegen in der taz, macht aber auch deutlich, dass die bisher übliche Verzerrung nicht einfach auf Kolonialismus beruht: "Die Mercator-Projektion, im Jahr 1569 für die europäische Seefahrt entwickelt, hat in der Navigation den unersetzlichen Vorteil, dass sie winkeltreu ist. Eine gerade Linie auf einer Mercator-Karte entspricht einer geraden Linie auf dem Globus. Der Kniff: Die Längengrade verlaufen auf der Karte immer parallel zueinander. In der Realität konvergieren sie an den beiden Polen und Richtung Äquator gehen sie immer weiter auseinander. Am Äquator entspricht ein Längengrad einer Entfernung von 60 Seemeilen, rund 111,3 Kilometer. An Nord- und Südpol beträgt die Entfernung Null."

Die Philosophieprofessorin Rahel Jaeggi verteigt in der FAZ die an Unis abgehaltene Aktionswoche "Wissenschaft gegen Faschismus", die in ihren "Antifaschismus" auch reguläre Lehrveranstaltungen einbezog. Gegen Artikel von Armin Nassehi (unser Resümee) und Geert Keil (unser Resümee), die eine Neutralität von Wissenschaft forderten und gar fragten, ob Soziologie "zu links" sei, führt Jaeggi die Altvorderen ins Feld: "Einer der Gründerväter der Frankfurter Schule, Max Horkheimer, beschrieb 1937 in einem programmatischen Text die Kritische Theorie als 'die theoretische Seite des praktischen Prozesses der Emanzipation'. Kritische Theorie, heißt das, nimmt Stellung. Sie ist also parteilich. Sie unterzieht alles, was gesellschaftlich selbstverständlich und gegeben ist, einer kritischen Betrachtung. Und mehr noch: Sie behauptet selbst, also als Theorie, Teil des Emanzipationsprozesses zu sein. Wie kann sie dennoch beanspruchen, Wissenschaft zu sein?"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.09.2026 - Wissenschaft

Jörg Bagdahn, Präsident der Hochschule Anhalt, befürchtet katastrophale Entwicklungen für die Universitäten, sollte die AfD an die Macht kommen, wie er im Tagesspiegel-Interview erklärt. So hat die Partei angekündigt, das Bologna-System rückgängig machen zu wollen, laut Bagdahn eine schwere Fehlentscheidung: "Sicher gibt es unabhängig von der AfD im Hochschulsystem Debatten über Fehlentwicklungen. Aber die AfD verdreht die Debatten populistisch in die immer gleiche Richtung: dass die Wissenschaftsfreiheit ausgerechnet von ihr gerettet werden muss. Dabei hat keiner etwas dagegen, über Bologna und die Weiterentwicklung von Studiengängen zu reden. Aber worin soll die Freiheit liegen, ein etabliertes System zu verbieten, das internationale Anschlussfähigkeit geschaffen hat? Bachelor und Master sind viel flexibler als das frühere Diplomsystem. Ein Vordiplom war für sich genommen gar nichts wert. Und die Forderung nach der Einstellung aller staatlichen Programme zur Förderung speziell von Frauen geht am Bedarf vorbei. Wir haben an den Hochschulen ein Defizit beim Anteil weiblicher Professoren, weil bis zum Berufungsverfahren der Karriereweg schwieriger ist. Dem stellen wir uns und ergreifen Maßnahmen. Aber nicht aus Zwang, sondern aus Vernunft."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.08.2026 - Wissenschaft

In der SZ resümiert Jens-Christian Rabe die von Armin Nassehi angestoßene Diskussion, ob die Soziologie zu links sei (unser Resümee). Inhaltlich will sich Rabe kein Urteil erlauben, er fragt sich allerdings "ob es gerade wirklich der richtige Moment für Debatten dieser Art ist. Die Wissenschaft operiert ja nicht irgendwo jenseits der Gesellschaft. Und für den liberalen Rechtsstaat mit Prinzipien wie Menschenwürde und universellen Menschenrechten wenigstens scheint derzeit eine ideologisch etwas nach links tendierende (Geistes- und Sozial-)Wissenschaft eher nicht das zentrale Problem. Den rechten Kulturkämpfern wiederum passt das Thema allerbestens in den Plan. Ganz abgesehen davon, dass mit dem Vorwurf des Linksdralls in den USA die Trump-Regierung längst begonnen hat, politisch unliebsamen Universitäten und Forschenden Mittel und Zuschüsse zu entziehen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.08.2026 - Wissenschaft

"Vielleicht war der Fall Jason Arday noch viel größer, als er jetzt erscheint", überlegt Elena Witzeck in einem großen FAS-Artikel, in dem sie auf eine Recherche der Plattform Byline Times zurückkommt, die hinter der Aufdeckung von Ardays Fall eine "koordinierte Kampagne" von Rechten sieht (unser Resümee): "Noch einmal zurück zum Wissenschaftsrassisten Nathan Cofnas, der inzwischen vorläufig von der Universität Gent suspendiert wurde, wo seine Äußerungen zu Arday geprüft werden. Die Plattform Byline, bei der frühere BBC-Reporter, Investigativjournalisten und Medienprofessoren arbeiten, hat Anfang der Woche eine Recherche über ein 'explizit antischwarzes Rassenwissenschaftsnetzwerk' veröffentlicht, das, wie der Autor argumentiert, unterstützt vom Silicon-Valley-Milliardär Peter Thiel schon eine ganze Weile damit beschäftigt sein soll, britische Universitäten und die europäische extreme Rechte zu durchdringen. Thiel soll etwa mithilfe des Cambridge-Professors James Orr Spenden an die Universität, Orrs Umfeld, Nathan Cofnas und das Onlinemagazin 'Quillette' veranlasst haben, das wiederum Attacken auf Arday veröffentlichte. (...)." Nathan Cofnas und die Universität Cambridge bestreiten die Vorwürfe. 

Für Jannis Koltermann in der FAZ liegt der Fehler ganz klar bei der Cambridger Diversitätspolitik. Die Universität verkaufte "die Berufung eines in vielerlei Hinsicht Benachteiligten bei jeder Gelegenheit als Ausweis der eigenen Diversitätsbemühungen." Deshalb sei es fehlgeleitet, "Rassismus für die Generalisierung des Falles überhaupt erst verantwortlich zu machen, nach dem Motto: Bei weißen Wissenschaftlern spreche man über Individuen, bei schwarzen immer gleich über alle Schwarze. Denn es waren nicht zuerst rechte Medien und Influencer, es war vielmehr die Universität, die Arday unter seiner bereitwilligen Mitwirkung zum Repräsentanten seiner Gruppe und Symbol der eigenen Diversitätsbestrebungen gemacht hat. Wenn ein solches Symbol gestürzt wird, ist es nur natürlich, dass auch das System hinterfragt wird, in dem es seine Bedeutung gewann."
Stichwörter: Arday, Jason, Cambridge, Rassismus

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.08.2026 - Wissenschaft

In der Affäre Jason Arday sieht Anna-Lena Scholz (Zeit) vor allem einen Schuldigen: die Universität Cambridge. "Sie hat Arday benutzt, um sich selbst zu profilieren. Kalt und berechnend. 0,4 Prozent der Professoren in Cambridge sind schwarz. Jason Arday war einer von ihnen. Man stellte ihn ins Licht, als würde dann nicht mehr auffallen, dass Cambridge eine der weißesten, elitärsten, verschlossensten Institutionen der Welt ist. Hier hat Zugang, wer immer schon dazugehörte. Privatschulkinder, Premierminister in spe." Die Universität sollte daher auch "ihre eigene Rolle aufklären: etwa dass sie Vorwürfe gegen Arday lange ignorierte, dass sie im Berufungsverfahren besser geeignete Kandidaten überging, wie die New York Times berichtete. Und vor allem sollte sie sich nicht länger feige wegducken vor einem schmerzhaften Eingeständnis: dass hinter der Berufung Ardays ein jahrzehntelanges institutionelles Versagen steht. Dass man hier, an einer der angeblich besten Universitäten der Welt, keinerlei Strategie hatte, um den Imperativ der Bestenauslese mit der Öffnung für Menschen mit anderen Lebensläufen zu versöhnen."

Aus der Frage, ob Jason Arday seine Karriere auf "falschen Angaben aufgebaut" habe, sei längst eine politische Auseinandersetzung geworden, konstatiert Lion Grote im Tagesspiegel. "Die Rechte sieht in ihm den Beleg für eine Universität, die Diversität über Leistung stellt. Ardays Unterstützer sehen in der Affäre den Beleg dafür, dass ein schwarzer Wissenschaftler trotz seiner Stellung nicht vor Rassismus sicher ist. Und Cambridge muss sich fragen lassen, warum eine der renommiertesten Universitäten der Welt daran gescheitert ist, ihren Professor zu schützen."
Stichwörter: Arday, Jason, Cambridge

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.08.2026 - Wissenschaft

Die Arday-Tragödie entwickelt sich zu einem bizarren Kulturkampf. Über 100.000 Menschen haben bisher einen offenen Brief der NGO "The Good Law" an den Premierminister unterschrieben, die eine Untersuchung der Berichterstattung in der britische Presse fordert. "Es kann kein Zweifel daran bestehen, dass der tragische Tod von Dr. Arday die direkte, vorhersehbare und vorhergesehene Folge der Schikanen durch die Presse war. Ein wesentlicher Faktor bei diesen Schikanen war seine Hautfarbe. Die Selbstregulierung der Presse ist gänzlich gescheitert … Wir bitten Sie höflich, unverzüglich eine öffentliche Untersuchung einzuleiten, um zu klären, wie angesichts des Beitrags der Presse zum tragischen Tod von Dr. Arday ein verantwortungsbewusstes Presseverhalten gewährleistet werden kann."

Ähnliche Forderungen wurden am Montag auf einer Gedenkveranstaltung für Arday auf dem Trafalgar Square erhoben, wo laut Chennel 4 100.000 Menschen zusammenkamen.


Der Guardian ist mit in die Angriffslinie geraten, weil er, obwohl links, ebenfalls kritisch zu Arday recherchierte. Er rechtfertigt sich in einem Editorial: "Der Guardian wollte herausfinden, was wahr ist. Das ist die eigentliche Aufgabe des Journalismus. Arday hatte die Reporter vor über einem Jahr kontaktiert, und diese haben intensiv daran gearbeitet, seine Aussagen zu überprüfen. In vielen Fällen gelang ihnen dies jedoch nicht. Es war richtig vom Guardian, seine Recherchen zu veröffentlichen, und es ist falsch, dass die Journalisten, die ihre Arbeit verantwortungsbewusst erledigt haben, nun einer Flut von Beschimpfungen ausgesetzt sind."

Graeme Wood fühlt sich im Atlantic eher an Ibsen-Dramen erinnert, wo die Protagonisten oft ihren Lebenslügen erliegen. Nicht ohne wohlwollende Unterstützung: "Ardays Kollegen, seine Herausgeber und diejenigen, die wussten, dass er ein Betrüger war, aber nichts sagten, mussten wegen ihrer Rolle bei seiner Einstellung und der Veröffentlichung seiner Arbeiten einiges an Spott hinnehmen. Doch bis heute habe ich keine Anzeichen dafür gesehen, dass sie sich ihrer Mitschuld bewusst geworden sind". Linke Medien wie die Byline Times glauben dagegen eher, rechte Netzwerke um Peter Thiel stünden hinter der Kampagne gegen Arday. Nils Markwardt kritisiert in Zeit online die symbolische Überhöhung der Affäre durch die Kritiker der Wokeness: "Der Fall Arday macht deutlich, welch ein Privileg es ist, im Skandalfall nicht sofort als Repräsentant einer Gruppe, als Ausdruck einer Idee oder als Produkt einer Ideologie angesehen zu werden." In der Welt schreibt Nicholas Potter.
Stichwörter: Arday, Jason

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.08.2026 - Wissenschaft

Der pädagogische Fachbereich der Uni Cambridge ist durch die Jason-Arday-Affäre ins Gespräch gekommern. Hier lehrte nicht nur Jason Arday als von der Hierarchie gewollter und dann fallengelassener Posterboy eines antirassistischen Diskurses, dessen psychische Labilität der Uni offenbar kein Kopfzerbrechen bereitete. Hier wird in einem der Uni assoziierten Projekt eines "islamischen Kurrikulums" auch gelehrt, dass die Evolutionstheorie eine kolonialistische Erfindung sei (unser Resümee). Andrew Gilligan setzt im Spectator eine Serie über die islamische Pädagogik in Cambridge fort: "Ein von der Universität Cambridge getragenes akademisches Projekt wirbt für einen 'islamischen Lehrplan', der 12-Jährigen vermittelt, die Hamas sei ein 'Vorwand, den Israel nutzt, um seine Angriffe auf den Gazastreifen zu rechtfertigen', der die am 7. Oktober von der Terrorgruppe entführten zivilen Geiseln als 'Kriegsgefangene' bezeichnet und in den Unterrichtsmaterialien für Schüler eine Karte der Region veröffentlicht, auf der Israel ausgelassen wurde. Das Projekt veröffentlicht zudem einen nach den Angriffen verfassten Leitfaden für Eltern und Kinder, in dem gefragt wird: 'Was ist der Lohn eines Shaheed (Märtyrers)? Wie fühlst du dich, wenn du an all die Kinder in Gaza denkst, die nun Shuhada (Märtyrer) sind?' Und es heißt darin unter Berufung auf den Koran: 'Sagt niemals, dass diejenigen, die für die Sache Allahs den Märtyrertod erlitten haben, tot sind - in Wahrheit sind sie lebendig, aber ihr nehmt es nicht wahr.'"
Stichwörter: Cambridge

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.08.2026 - Wissenschaft

Die Affäre um Jason Arday beschäftigt die Medien in Großbritannien und den USA in großer Intensität weiter. Dem Rassismusexperten und jüngsten schwarzen Professor in der Geschichte der Uni Cambridge waren massive Plagiate vorgeworfen worden, auch seine Lebensgeschichte - der Aufstieg vom autistischen Kind zum renommierten Professor einer der berühmtesten Universtitäten - zeigte immer mehr Risse. Am Freitag wurde er tot aufgefunden. In den sozialen Medien tobt der Streit um die Frage, ob er nun ein Opfer des Rassismus geworden sei, oder nicht eher jener woken Uni-Hierarchien, die unbedingt ihr "Diversity"-Bild verbessern wollten und Arday in seinen Lügengebilden bestärkten. Die New York Times brachte am Samstag eine lange Recherche, die wohl schon vor seinem Tod begonnen wurde und in der einige seiner Behautpungen in Frage gestellt werden: "Ardays Behauptungen, er habe nicht sprechen können, seien falsch, sagen ein ehemaliger Klassenkamerad und ein Sprachtherapeut, der mit ihm gearbeitet hatte, gegenüber der New York Times. Sein angeblich bemerkenswerter Werdegang vom nonverbalen Kind im Vorjugendalter zum promovierten Wissenschaftler habe in der medizinischen Fachliteratur keinen Präzedenzfall, sagen Experten für Entwicklungs- und Sprachverzögerungen. Das hätte beim Einstellungsausschuss in Cambridge, dem auch ein Kinderpsychiater angehörte, der sich mit Autismus befasst hatte, die Alarmglocken läuten lassen müssen, so die Experten."

Der Oxforder Theologe Nigel Biggar hatte schon zwei Tage vor Ardays Tod gespürt, wie gefährlich die Sache für Arday selbst werden könnte. In einem Blogbeitrag schrieb er: "Jason Arday selbst tut mir irgendwie leid. Ja, er hat immer wieder unehrlich gehandelt. Und doch - nach dem, was ich beobachtet habe - glaubt er wirklich an seine eigenen Lügen. Wenn er Kritiker als 'rassistisch motiviert' abtut, klingt es so, als meine er aufrichtig, was er sagt. Er ist in einer Fantasiewelt gefangen. Unabhängig von seiner persönlichen Schuld hat seine missliche Lage etwas Tragisches an sich. Denn wenn die Realität schließlich durchbricht, wird auch die Nemesis Einzug halten. Eine schreckliche Abrechnung wird dazu führen, dass das Selbst, das er sich aufgebaut hat, zerfällt. Ich fürchte um sein Leben."

Gina Thomas zitiert in ihrem Bericht für die FAZ den im New Stateman schreibenden Politikwissenschaftler David Runciman, der darlegt, "dass der Fall niemals so hohe Wellen geschlagen hätte, wenn er sich nicht in Cambridge ereignet hätte. Der Kontrast zwischen dem Ansehen der Institution und 'der höchst zeitgenössischen Dynamik' des Arday-Skandals verleihe der Geschichte ihre Brisanz. 'Rasse, Klasse, Snobismus, Wokeness - all das tritt umso schärfer hervor, wenn die Handlung sich in dieser abgeschotteten Welt alter Colleges und elitärer Reputationen zuträgt, von denen einige nun in Trümmern liegen', schreibt Runciman."

Dominic Johnson lotet in der taz nochmal die Tiefe des Sturzes aus: "Arday wurde durch TV-Shows gereicht, mit Ehrungen überschüttet, in unzählige Gremien berufen und erhielt einen Millionenvorschuss für seine Autobiografie. Größen in Wissenschaft und Politik priesen ihn in höchsten Tönen als einzigartiges Phänomen, als Stimme der Benachteiligten, als neuartige Spezies von Wissenschaftler, der seine Erkenntnisse aus tatsächlicher Lebenserfahrung statt aus akademischer Forschung bezieht." Johnsons nicht unbedingt taz-typische Schlussfolgerung: "Arday ist nicht Opfer von Rassismus geworden. Eher ist er ein Opfer eines falsch verstandenen Antirassismus, der Einzelnen willkürlich ungerechtfertigte Vorteile verschafft." Hier Daniel Zylbersztajn-Lewandowskis und Dominic Johnsons taz-Bericht zur Affäre.

Die Cambridge University soll die Untersuchung, die sie zu Vorwürfen gegen Arday angestrengt hatte, nach seinem Tod vorläufig ausgesetzt haben, berichtet der Guardian, "solange Ardays Familie trauert, zu gegebener Zeit werde geprüft, ob sie wieder aufgenommen werden soll. Wissenschaftler und Politiker haben Zweifel daran geäußert, ob Cambridge Ardays Verletzlichkeit ernst genommen hat, als er 2023 in diese hochrangige, öffentlichkeitswirksame Position berufen wurde. Zu diesem Zeitpunkt war die Universität wegen mangelnder Vielfalt in Führungspositionen in die Kritik geraten."
Stichwörter: Arday, Jason

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.08.2026 - Wissenschaft

Professor Jason Arday, dessen Geschichte in den letzten Wochen weltweit Aufsehen erregt hatte, ist von der Polizei gestern Nachmittag tot aufgefunden worden. Arday war bekanntlich als Experte für Diskriminierung als jüngster schwarzer Professor in den pädagogischen Fachbereich der Cambridge Universität aufgenommen worden. Sowohl an seiner wissenschaftlichen Qualifikation als auch an seiner Lebensgeschichte waren erhebliche Zweifel aufgekommen (unsere Resümees). Der Guardian, der selbst durchaus kritisch zu Arday recherchiert hatte, zitiert bereits ein Statement seiner Familie, das Ardays Kritiker für seinen Tod verantwortlich macht. Der Guardian kommt auch auf die Reaktionen an der Cambridge Universität zu sprechen: "Nachdem sie sich zunächst den Forderungen leitender Mitarbeiter nach einer unabhängigen Untersuchung widersetzt hatte, lenkte Vizepräsidentin Deborah Prentice Anfang dieser Woche ein und erklärte, sie erkenne die 'Verärgerung und Besorgnis angesichts dieses schädlichen und schwierigen Falls' an. Sie bezeichnete den Vorfall als Einzelfall, der nicht dazu genutzt werden dürfe, die Fähigkeiten der Mitarbeiter mit anderer Hautfarbe in Frage zu stellen."

Die Auseinandersetzung mit dem Pädagogischen Fachbereich der Uni Cambridge dürfte auch nach Ardays Tod nicht aufhören, wie ein Twitter-Beitrag des Evolutionshistorikers Richard Dawkins zeigt. In diesem Fachbereich werden nach seiner Recherche auch "kreationistische" Positionen vertreten - an der Uni, wo einst Darwin lehrte! "Das Projekt, das die kreationistischen Behauptungen verbreitet - die 'Islamic Educator Learning Community' (IELC) -, wird von Farah Ahmed geleitet, einer Assistenzprofessorin für Erziehungswissenschaften in Cambridge und ehemaligen Aktivistin der inzwischen verbotenen Terrororganisation Hizb ut-Tahrir. Die IELC wird von einer universitären Einrichtung namens 'Cambridge Teacher Research Exchange' (Camtree) 'beherbergt' und arbeitet mit dieser zusammen. Die IELC veröffentlicht auf ihrer Website unter Angabe einer Camtree-Adresse einen Beitrag zum Thema 'Islamisches wissenschaftliches kritisches Bewusstsein' … In dem Beitrag heißt es, dass die 'Bekämpfung der kolonialen Hegemonie in der naturwissenschaftlichen Bildung für Muslime' unter anderem darin bestehen könnte, 'Lücken im Fossilienbestand aufzudecken, um zu belegen, dass die Beweise für die Abstammung des Menschen vom Affen nicht schlüssig sind'."