Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Film

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 13.08.2026 - Film

Riesenechsen in der Vorstadt: The End of Oak Street


Dinosaurier in den Suburbs: Das ist der Ausgangspunkt von David Robert Mitchells "The End of Oak Street", einem an einschlägigen Spielberg-Filmen der 1980er Jahre geschulten Sommerblockbuster. Perlentaucher Kamil Moll ist angetan: "Der Prämisse der Vorstadt als auf links gedrehtes Dinosaurierland, ein 'Jurassic Park' fürs 21. Jahrhundert, gewinnt der Film einige der schönsten und originellen Action-Setpieces der jüngeren Hollywood-Geschichte ab: von flinken Raptoren, die weniger behende Menschen in ihren Vorgärten zu reißbarem Freiwild erklären, hin zu einer urzeitlichen Schlange, die auf der Suche nach lebendiger Nahrung ihren enormen Körper durch die labyrinthartige Zimmeranordnung eines zweistöckigen Hauses windet, und eher gemächlichem Getier, das gegen ein Hausdach gelehnt lediglich in dösiger Ruhe Sex haben möchte."

Bert Rebhandl ist in der FAZ weniger begeistert: "Gleichwohl bleibt als befremdlicher Eindruck, dass beide Welten, die der Dinosaurier und die der Platts anno 1982, irgendwie unbeholfen ineinandergeschoben wurden. Gerade bei Zeitreise-Szenarien kommt es darauf an, dass sie ihre innere Logik deutlich ausweisen. Mitchell aber lässt nie verständlich werden, warum ihn ausgerechnet die Riesenechsen interessiert haben" In der SZ bespricht Florian Kaindl den Film, für die taz rezensiert Tobias Obermeier.

Das Filmfestival Locarno widmet sich dieses Jahr in einer großen Retrospektive den Opfern der sogenannten "blacklist": linken Hollywood-Filmemachern, die im Zuge der Kommunistenjagd der McCarthy-Ära unter die Räder kamen und oft viele Jahre lang keine Filme realisieren konnten. Die Filme, die die Verfemten dennoch drehen konnten, zeichnen sich, so Daniel Kothenschulte in der FR, oftmals durch ihre humanistische Weltsicht aus. Zum Beispiel "Stuart Heislers Drama 'Smash-Up: The Story of a Woman' mit Susan Hayward als aufstrebender Sängerin, die ihre Karriere für die Ehe opfert und dem Alkohol verfällt. Mitverfasst von der vom FBI als Kommunistin verdächtigten Autorin Dorothy Parker, versteckt neben der feministischen Botschaft auch die antikapitalistische Haltung nicht. Es ist Zeit, sich nicht nur mit dem Verdacht linker Gesinnung von Hollywoods Verfolgten auseinanderzusetzen, sondern auch mit ihrem tatsächlichen linken Filmwerk."

Weitere Artikel: Marie-Luise Goldmann und Matthias Heine überlegen in der Welt, wer die Königin des Kinojahres 2026 ist: Zendaya oder Sandra Hüller. Susanne Gietl unterhält sich im Filmdienst mit dem Regisseur George Jacques über dessen Film "Sunny Dancer", der außerdem auf critic.de, in der taz und in der BlZ besprochen wird.

Besprochen werden der neue Eberhofer-Krimi "Steckerlfischfiasko" (Welt), der Dokumentarfilm "Finding Connection" (FR), Olivia Wildes Beziehungskomödie "The Wilde" (NZZ) und Roderick Warichs "Funeral Casino Blues" (critic.de).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 12.08.2026 - Film

India Hair und Vincent Macaigne in "Drei Freundinnen".

Perlentaucher-Kritiker Lukas Foerster ist rundum begeistert von "Drei Freundinnen", dem neuen Film des französischen Meisterregisseurs Emmanuel Mouret, der in den letzten zwanzig Jahren ein "auf unaufdringliche Weise eigensinniges Werk" geschaffen habe. Im "Zentrum seiner stets komödiantisch, manchmal und, im Fall des hier besprochenen mehr denn je, auch tragisch grundierten Filme steht einerseits stets, explizit, die Liebe; und andererseits, implizit, die Frage, wie man von ihr erzählen kann. Oder auch, anders herum: was die Liebe mit dem Erzählen macht" Der neue dreht sich um drei Frauen, um die mehr als drei Männer herumschwirren. "Zur Beziehungs-Farce, die in der Figurenkonstellation (...) durchaus angelegt ist, teils zum Greifen nah scheint, wird der Film nie. Anstatt sich in Schlüpfrigkeit und Indiskretion zu entäußern, bleiben die Spannungen, Sehnsüchte, Enttäuschungen und Hoffnungen, die die Liebe mit sich bringt, tendenziell in Figurensubjektivität eingeschlossen."

Hildegard Schmahl und Corinna Harfouch in "Im Spiegel meiner Mutter"

Andreas Kilb ist in der FAZ angetan von Jutta Brückners Film "Im Spiegel meiner Mutter", in dem Corinna Harfouch eine kinderlose Archäologin spielt, die nach dem Tod der eigenen Mutter in eine Lebenskrise gerät. Für Kilb ist der Film ein "Fundstück in der planierten Landschaft des deutschen Gegenwartskinos"; denn er "ist unverkennbar von der Ästhetik des Frauenfilms der Siebzigerjahre inspiriert, einer Bewegung, die sich nicht nur gegen patriarchale Frauenbilder, sondern auch gegen kulturindustrielle Konventionen des Erzählens richtete. Eine Geschichte im landläufigen Sinn gibt es hier nicht, nur Assoziationen, Zeitsprünge, filmische Mosaiksteine, die sich zum Porträt einer von ungelebtem Leben innerlich vergifteten Frauenfigur zusammenfügen."

James Gray, aktuell mit seiner Milieustudie "Paper Tiger" in den Kinos, hat in Locarno den Preis für sein Lebenswerk erhalten. Im Welt-Gespräch mit Jan Küveler stellt er die These auf, dass es gar kein amerikanisches Kino gibt: "Das amerikanische Kino wurde - von Walt Disney und Darryl Zanuck abgesehen - größtenteils von Migranten geschaffen, darunter vielen osteuropäischen Juden, die in die Vereinigten Staaten kamen und dort eine Industrie aufbauten. Wer hat die wunderbare Sprache des Erzählkinos entwickelt? Ernst Lubitsch, Billy Wilder, Fritz Lang, William Wyler, Alfred Hitchcock aus England, Douglas Sirk, Robert Siodmak, so viele. Was Deutschland zum amerikanischen Kino beigetragen hat, ist unermesslich. Dazu Frank Capra, ein Italiener. Der einzige wirkliche Amerikaner ist im Grunde Howard Hawks - und seine Filme wirken folgerichtig ganz anders."

Weitere Artikel: Christine Dössel gratuliert dem Schauspieler Gerd Anthoff in der SZ zum Achtzigsten. Gut, dass es in den USA und in Deutschland inzwischen einen gewissen Rechtsschutz gibt, der Schauspieler vor der posthumen Wiederbelebung ihrer Bilder durch KI schützt, atmet Lisa Berins in der FR auf - aber was ist mit Privatpersonen? "Jeder Mensch, von dem jemals - sei es nur aus Versehen - ein Foto oder Video gemacht wurde, könnte in der Zukunft in realitätsnah erscheinenden Clips Dinge treiben, die er zu Lebzeiten nie getan hätte. Oder beispielsweise in KI-Trainingsdaten verschluckt und als 'Werbegesicht für Pickelcremes' wieder ausgespuckt werden, wer weiß." In der NZZ porträtiert Tobias Sedlmaier die Schauspielerin Zoe Saldana.

Besprochen werden außerdem Roderick Warichs Film "Funeral Casino Blues" (taz) und George Jacques' "Sunny Dancer" (Tagesspiegel).
Stichwörter: Gray, James, Brückner, Jutta

Efeu - Die Kulturrundschau vom 11.08.2026 - Film

Szene aus "Russland im Krieg" (Arte)

In ihrer von Arte online gestellten, über einen Zeitraum von vier Jahren entstandenen Dokumentation "Russland im Krieg" bieten Lyobov Sinitsina und Torstein Grude Einblick in russische Realitäten, schreibt Yelizaveta Landenberger in der FAZ: von einer weiterhin kritisch arbeitenden Journalisten über einen russischen Friedensaktivisten bis hin zu überzeugten Putinisten, die ihre Söhne mit wehenden Fahnen an die Front schicken. "Die Schicksale, von denen der Film erzählt, erschüttern - besonders die Geschichte des Teenagers Jegor aus der Region Leningrad, der versuchte, einen Brandanschlag auf ein Rekrutierungszentrum zu verüben. Jegors Mutter sagt zu den Motiven ihres Sohnes, dass ihm die gesellschaftliche Akzeptanz des Krieges dermaßen zu schaffen gemacht habe, dass er keinen anderen Weg mehr sah. ... 'Jegor, mach dir keine Sorgen, die Wahrheit ist auf deiner Seite', ruft jemand im Gerichtssaal. Dass es in Russland noch solche Menschen gibt, die Widerstand leisten, daran erinnert dieser Dokumentarfilm. Sie sind da, auch wenn man sie kaum hören kann."

Erst knackt ein sperriger Film wie Christopher Nolans "Die Odyssee" weltweit noch vor dem Kinostart in China die Ein-Millarden-Marke an den Kinokassen, dann legt der neue Spider-Man-Film binnen kurzer Zeit einen Kino-Run hin, den die Marvel-Superheldenfilme selbst in ihren besten Zeiten nicht geschafft haben. "Für die Kunstform Kino ist dieser Sommer ein Segen der Filmgötter", jubelt darüber David Steinitz in der SZ. Dieser Erfolg dürfte Folgen haben: "In den vergangenen Jahren haben die großen Hollywood-Studios sich in erster Linie um den Aufbau ihrer Streamingdienste gekümmert" und reihenweise Kinofilme gegen den Willen der Regisseure im Digital-Orkus versenkt. "Wenn die Produzentenseite allerdings durch ein Phänomen wie 'Spodysseus' merkt, dass sie ordentlich viel Geld liegen lässt, sobald ein Film nicht im Kino läuft, könnte es das vielen Künstlern bei Vertragsverhandlungen wieder etwas leichter machen." Auch zeigt sich, "dass der wichtigste Wachstumsmarkt im Kino der Premium-Bereich ist, wo die Tickets zwar teurer, aber die Leinwand riesig und die Projektionstechnik erstklassig ist".

Dazu passend erzählt Artur Weigandt in der Welt von seiner Reise nach Prag, wo eines der wenigen Kinos Festland-Europas steht - in Deutschland gibt es kein einziges! -, das Nolans "Odyssee" im vollen analogen IMAX-70mm-Format (von Weigandt irrtümlicherweise als "70mm-Film" bezeichnet - dieses Format können auch in Deutschland noch einige Kinos zeigen) projizieren kann und entsprechend Cinephile aus allen Herren Ländern anlockt. 

Außerdem: Mit Wayne Wapeemukwas Kriminalfilm "Manhunt" eröffnet das Filmfestival Locarno direkt mit einem Highlight und legt mit Denis Cotés "Violence du corps de l'autre", Florin Șerbans "Nu e locul tau aici" und Gruvinder Singhs "Rehmat" auf ähnlich hohem Niveau nach, freut sich Irene Genhart im Filmdienst. Benjamin Johann (Filmdienst) durchleuchtet das Kino nach alternativen Männlichkeitsbildern. Besprochen werde György Pálfis "Lebensansichten eines Huhns" (Jungle World) und Florian Karners Dokumentarfilm "Finding Connection" über Menschen, die Freundschaften und Romanzen mit einer KI eingehen (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 10.08.2026 - Film

Wie sich das Bewusstsein der Katastrophe formiert: Angelina Jolie in "Couture"

Daniel Haas ist in der NZZ absolut überwältigt von Angelina Jolie in Alice Winocours autobiografisch grundiertem Brustkrebs-Drama "Couture": "Jolie spielt die Frau, deren Leben bislang um Kunst und die Karriere kreiste und die nun alles aufgeben soll, ohne große Gestik, ohne zur Schau gestellte Erregung oder Verzweiflung. Sie kann in ihrem Blick so viel Kummer ansammeln und gleichzeitig mit Contenance verhärten, dass einem der Atem stockt. Wie sie den Übergang von der disziplinierten Karriereartistin zur tief verunsicherten Frau, deren Leben zu zerbrechen droht, darstellt, wie sie dieses sich über die Zeit formierende Bewusstsein der Katastrophe in Mimik, sprachlichen und gestischen Ausdruck übersetzt, das ergibt eines der besten Kinoporträts eines Menschen im Ausnahmezustand seit langem."

Besprochen werden Hanna Bergholms Horrorthriller "Nightborn" (Standard, unsere Kritik) und Grégory Magnes "Der Klang der Stradivari" (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 08.08.2026 - Film

Thomas Abeltshauser spricht für die taz mit der israelischen Musikerin Noga Erez, über die eine Langzeit-Doku kommende Woche in den Kinos startet. Jörg Taszman spricht für den Filmdienst mit dem Regisseur György Pálfi über dessen Film "Lebensansichten eines Huhns". Tobias Sedlmaier spricht für die NZZ mit dem Kurator Ehsan Khoshbakht, der für das Filmfestival Locarno eine Retrospektive über jene Filmemacher zusammengestellt hat, die in der McCarthy-Zeit auf schwarze Listen gesetzt wurden. Johanna Adorján blickt in der SZ auf die Karriere von Zendaya, ohne die von "Dune" über "Spider-Man" bis zur "Odyssee" kein Blockbuster auskommt. Maria Wieser porträtiert für die FAS den japanischen Regisseur Genki Kawamura, der seit einigen Jahren internationale Erfolge feiert und nun mit "Exit 8" einen Horrorfilm auch in die deutschen Kinos bringt.

Besprochen werden Sandra Wollners "Everytime" (FAS, unsere Kritik) und der neue "Eberhofer"-Krimi "Steckerlfischfiasko" (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 07.08.2026 - Film

Dunja Bialas unterhält sich für Artechock mit Sandra Wollner über deren Film "Everytime" (hier von Artechock, dort von uns besprochen). Derweil ärgert sich Rüdiger Suchsland in seiner beistehenden Artechock-Kolumne über die SZ, die den Film Tage vor dem Start mit der Überschrift "Darf man von diesem Film genervt sein" für sein magisch-realitisches Ende abgewatscht hat: "Vor allem im Kino muss es doch darum gehen, unsere Dimensionen zu erweitern, unsere Vorstellung von der Wirklichkeit zu sprengen, zum Zerplatzen zu bringen oder meinetwegen auch ganz zart und achtsam aufzulösen und durchlässig zu machen. Wenn man von so einem Film wie 'Everytime' bereits genervt ist, dann bin ich heilfroh, dass diese ach so genervten, nach so gestressten Filmkritiker von heute noch nicht auf der Welt waren und keine Filmkritiken geschrieben haben, als Luis Bunuel gemeinsam mit Salvador Dali mit der Rasierklinge ein Frauenauge zerschnitt; oder als Fritz Lang einen Serienmörder verteidigte und vorher schon das große Verbrechen eines Achsensprungs begangen hat - genau aus dem gleichen Grund, warum Sandra Wollner tut, was sie tut - nämlich um die Wirklichkeit aus den Angeln zu heben."

Außerdem: Bert Rebhandl (Standard) und Urs Bühler (NZZ) porträtieren Isabella Rossellini, die beim Filmfestival Locarno geehrt wird. Besprochen werden Grégory Magnes "Der Klang der Stradivari" (Welt, Artechock), Eli Roths Metzelfilm "Ice Cream Man" (Standard) und der ZDF-Vierteiler "München Beats" (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 06.08.2026 - Film

"Es geht darum, sich Freiheit zu erobern im Korsett", beschreibt der Regisseur Christoph Hochhäusler im FAZ-Gespräch mit Daniel Moersener, aus dem man wirklich fast jeden Absatz zitieren möchte, nicht nur den Touch seiner eigenen Filme, sondern vielleicht auch die Film-Arbeit in Deutschland unter den Bedingungen der nationalen Filmförderung. Von nationalen Kinematografien hält Hochhäusler wenig: "Ich will eigentlich eine mindestens europäische Öffentlichkeit des Kinos. ... Deutscher Film will kulturell und kommerziell erfolgreich sein, er soll populär sein und Festivalpreise abräumen. Diese Gegensätze zerreißen das Kino. Man könnte viel eindeutiger sein. Das Kommerz-Kino sollte viel vulgärer, schneller, heißer sein. ... Aber nein, es wird veredelt, durch Porzellan." Und "umgekehrt wird auch der Kunstfilm durch die tastemakers in der Förderung abgerundet. Beide Seiten sind damit benachteiligt. ... Deutschland fürchtet sich verrückterweise vor einer Tradition des Kinos. Alle großen Brüche des deutschen Kinos ... wurden letztlich staatlich abgewickelt."

Birgit Minichmayr in Sandra Wollners "Everytime"

Zu Sandra Wollners "Everytime" hatten wir vor wenigen Tagen schon ein Resümee. Im Perlentaucher zeigt sich Lukas Foerster von dem in Cannes sehr gefeierten Trauerdrama zwar durchaus angetan - in den teils überschäumenden Lobesgesang seiner Kolleginnen und Kollegen kann er trotzdem nicht einsteigen. Das liegt vor allem am Mittelteil, der einen traurigen Sommer in Berlin zeigt: "Alltag als profanes Fegefeuer, in dem es nur falsche Alternativen gibt." Fürs letzte Drittel wechselt der Film auf die Insel Teneriffa, "die Wollner filmt, als wäre sie ein ferner Planet". Hier erst wird der Film zum "virtuosen Spiegelkabinett und tatsächlich so aufregend, dass man sich wünscht, Wollner hätte den Sprung auf die Insel bereits deutlich früher gewagt." Weitere Besprechungen in FR, Welt und Zeit.

Fiebrig, aber analytisch genau: "Dead Man's Wire" von Gus van Sant

Gus van Sants neuer, letztes Jahr immerhin in Venedig (wenn auch außer Konkurrenz) gezeigter Film "Dead Man's Wire" kommt trotz deutscher Produktionsbeteiligung hierzulande leider nicht ins Kino, sondern gleich auf DVD heraus. Der Film erzählt von einem Entführungsfall im Jahr 1977, der in den USA auch durch die mediale Live-Ausschlachtung für viel Aufregung sorgte - und hat immerhin Al Pacino in einer kleinen Nebenrolle vorzuweisen. Der Regisseur "lässt das Archivmaterial sehr bewusst außen vor", schreibt Ekkehard Knörer in der taz, und "hat stattdessen mit umwerfender Liebe zu den Details einen Film als veritable Siebziger-Jahre-Zeitkapsel inszeniert: mit allem Kleidungs-Drum und Musik-Dran, mit verwaschenen Fernsehaufnahmen und Splitscreens, mit Original-Sound und -Slang und -Bart und -Frisur." Doch der Blick auf die Figuren "bleibt bei aller Fiebrigkeit analytisch genau."

Weitere Artikel: Auf der Creator's Conference in München wurde unter anderem mit Daniel Kehlmann darüber diskutiert, was die KI fürs Erzählen etwa von TV-Serien bedeutet, berichtet Susanne Gietl im Filmdienst. Esther Buss schreibt im Filmdienst über Isabella Rossellini, die beim Filmfestival Locarno mit dem Excellence Award ausgezeichnet wird. Marius Nobach empfiehlt im Filmdienst die kleine Catherine-Breillat-Werkschau bei Arte.

Besprochen werden Hanna Bergholms Horrorfilm "Nightborn" (Perlentaucher, critic.de, taz), György Pálfis "Lebensansichten eines Huhns" (FR, FAZ), Eli Roths Horrorfilm "Ice Cream Man" (SZ), der auf HBO Max gezeigte Dokumentarfilm "Bang My Box" über die Pornodarstellerin und Sex-Educatorin Robin Byrd (FAZ) und die vierte Staffel von "Ted Lasso" (Tsp).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 05.08.2026 - Film

Zendaya und Tom Holland in "Spider-Man: Brand New Day"

Tobias Sedlmaier staunt in der NZZ über die Einspielergebnisse von "The Odyssey" und "Spider-Man: Brand New Day": Während Nolans Homer-Epos innerhalb von zwei Wochen weltweit fast eine Millarde Dollar umgesetzt hat, ist dem Superheldenfilm dies beinahe schon am ersten Startwochenende geglückt. Ńach "Barbenheimer" vor drei Jahren zeigt auch dieser "Erfolg einmal mehr, dass das Kino noch nicht tot ist. Angedeutet hatte sich diese Entwicklung bereits einige Wochen zuvor, ebenfalls mit einem Doppelschlag: Die Indie-Horror-Produktionen 'Backrooms' und 'Obsession' erwiesen sich als riesige Überraschungserfolge mit einem gemeinsamen Einspielergebnis von mehr als 850 Millionen Dollar. ... Der Trend ist eindeutig: Junge Menschen zieht es wieder mehr in die Kinos." Und ihre Helden sind unter anderen "das Paar, das sowohl in 'The Odyssey' als auch in 'Spider-Man: Brand New Day' mitspielt: Zendaya und Tom Holland. Sie verkörpern die zeitgemäße Form des Hollywood-Stars: Ihre Strahlkraft entfaltet sich auch und vor allem im digitalen Alltag ihrer Fans." Auf den Zendaya-Hype schaut auch Ella Kurowski im Standard.

Auf der Geisteswissenschaften-Seite der FAZ setzt sich der Philosoph Olaf Müller noch einmal sehr ausführlich mit Wim Wenders' Film "Falsche Bewegung" auseinander, aus dem der Regisseur nun nach Forderungen von Nastassja Kinksi und einer großen Debatte im Kulturbetrieb die Nacktszene mit der damals noch minderjährigen Kinski herausgeschnitten hat. Dass Wenders' Verhalten seinerzeit übergriffig und für Kinski traumatisierend war, steht für Müller außer Frage. Doch "die Ästhetik ist keine Magd der Moral", erinnert er: Mit diesem Eingriff werde der Film ein anderer. Die inkriminierte Szene ist eine Schlüsselszene, so Müller, um die sich der ganze Filme und dessen Verständnis dreht - auch, weil gestische Motive später wieder auftauchen, die somit nicht mehr nachvollzogen werden können. "Die gesamte, sorgfältig aufgebaute Dynamik einer Steigerung à la Goethe ist perdu. ... Der Film wird durch die Entfernung der Bettszene vielleicht nicht gänzlich zerstört; doch dass es ein völlig anderer Film geworden ist, wird sich kaum bestreiten lassen. Schon allein deshalb ist es ein hoher Preis, den Wenders gezahlt hat. Das ist ihm hoch anzurechnen. Ob er dazu moralisch verpflichtet war, ist damit nicht entschieden."

Weitere Artikel: Michael Ranze ist in der FAZ sehr begeistert von der heute startenden Retrospektive beim Filmfestival in Locarno, die Filme jener Regisseure zeigt, die in der McCarthy-Ära um 1950 auf Rote und Schwarze Listen gesetzt wurden: "Interessant ist bei vielen Filmen der kritische Blick auf Amerika, aber immer mit dem Vertrauen auf die Stärke der Demokratie." In der jüngsten Welle an Horrorfilmen tauchen auffällig häufig Therapeuten auf, fällt Susan Vahabzadeh in der SZ auf. Kein Sex, Rüstungen falsch und schwarze Griechen - Christiane Lutz gibt in der SZ einen kursorischen Überblick über die teils ziemlich öden Onlinekontroversen rund um Christopher Nolans "Die Odyssee". Besprochen werden Sandra Wollners "Everytime" (taz, mehr dazu bereits hier), Hanna Bergholms "Nightborn" (SZ) und Alice Winocours "Couture" (NZZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 04.08.2026 - Film

Unglaublich weit entfernt und trotzdem nah: "Everytime" von Sandra Wollner

Bei den Filmfestspielen in Cannes sorgte Sandra Wollners "Everytime" bereits für einiges Aufsehen (hier und dort unsere Resümees), diese Woche startet das eigenwillig gestaltete Trauerdrama in den hiesigen Kinos. Kamil Moll hat für den Filmdienst sehr ausführlich mit der Autorenfilmerin gesprochen, unter anderem über Gregory Okes irisierende Kamera-Arbeit: "Mein Partner hatte mir damals eine kleine Canon-Kamera mit einem 3000-Millimeter-Objektiv besorgt, mit der ich erste Experimente gemacht habe. Ich fand diese Perspektive spannend, weil sie aus einer Reibung heraus entsteht: Man ist unglaublich weit entfernt, kann nichts tun, ist also außerhalb jeder Reichweite, und dennoch ist man so nah dran, dass man sehr intime Dinge beobachten kann. Im echten Leben würde man so ein Objektiv gar nicht auf Menschen richten wollen - es fühlt sich fast verboten an. Mich hat diese Haltung interessiert: der Gedanke, wie die Welt vielleicht auf uns schaut. ... Einerseits nehmen wir uns selbst natürlich als die wichtigsten Personen in unserem Leben wahr. Gleichzeitig müssen wir damit umgehen, dass wir für die Welt auf eine Weise auch bedeutungslos sind. Aus dieser Haltung heraus entstand dieser Blick. Aus einer Distanz, aus der niemand reagiert - ob das nun die Welt selbst ist, das Universum, Gott oder nur unsere Vorstellung davon. Mich interessiert die Frage: Betrachtet uns die Welt wirklich, oder ist es nur unser Wunsch, von ihr betrachtet zu werden?"

"Wie nimmt man Abschied in einer digitalen Umwelt, die nicht vergisst", ist die zentrale Frage dieses Films, schreibt Maximilian Steinborn auf critic.de. "Für diese Frage findet Wollner eine Fülle schmerzvoll schöner und präziser Bilder. ... Hotel, Insel, Abendhimmel und Atlantik werden zu Momenten einer fulminanten filmischen Geisterbeschwörung, bei der die Ordnung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft bald völlig kollabiert. Nach einem positiven Sinn, der Halt oder Hoffnung stiftet, sucht man in diesen letzten Szenen von 'Everytime' vergebens. Ob wer loslässt, auch etwas gewinnt - Ruhe, Kraft, ein neues Leben? -, diese Frage blitzt im Film kurz auf, wird aber schnell wieder verworfen. Mit Gespenstern, weiß Wollner, lässt sich nicht verhandeln, nur leben lernen."

Besprochen wird außerdem György Pálfis "Lebensansichten eines Huhns" (Standard).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 03.08.2026 - Film

Wim Wenders schneidet die umstrittene Nacktszene mit der damals noch minderjährigen Nastassja Kinksi aus seinem Film "Falsche Bewegung" von 1974 und gibt in einem Statement die Hoffnung zum Ausdruck, dass aus der Kontroverse der letzten Monate ein Gespür dafür entstehe, "wie wichtig Schutz und Verantwortung am Filmset sind". Dieses Einlenken "macht sein Vermächtnis nicht kleiner, sondern größer", kommentiert Claudia Tieschky in der SZ. "Wenders hat mit dem Schnitt Verantwortung für das Kind übernommen, das er damals nicht beschützte. Er ist über den Schatten seines eigenen Denkmals gesprungen. Wie gut!" Auch Michael Hanfeld begrüßt in der FAZ Wenders' Einsicht, auch wenn diese ihm "bei einer sexualisierten Szene mit einem Kind auch schon 1974, als Wenders seinen Film drehte, in den Sinn kommen können und vor fünfzehn Jahren, als Nastassja Kinski mit ihrem Bitten begann, genauso wie heute. In all der Zeit war Wenders schlecht beraten."

Weitere Artikel: Hanns-Georg Rodek unternimmt für die Welt eine Exkursion in die Filmgeschichte der Waldbrände. David Steinitz fragt sich in der SZ, wo eigentlich die Fortsetzung zu "Barbie" bleibt. Besprochen wird Pedro Almodóvars "Bitteres Fest" (Jungle World, unsere Kritik).